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Bildhauer Sihle-Wissel : Ein Künstler mit Axt und Kettensäge

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Klaus Fußmann über Bildhauer Manfred Sihle-Wissel – derzeit wohl bedeutendster Vertreter seiner Zunft in Norddeutschland.

Brammer | Es ist erstaunlich, wenn ein Achtzigjähriger mit Kettensäge, Axt und Rapsel auf einen drei Meter langen, mal sechzig Zentimeter breiten Eichenstamm losgeht um daraus eine Skulptur zu schlagen. Der Kraftaufwand allein ist beträchtlich, aber Physis wie Geist müssen beide in Takt sein, denn schnell verliert man beim Hacken und Sägen die Übersicht und noch schneller verlassen einen alternden Menschen dabei die Kräfte.

Keiner weiß, wie lange der Bildhauer Manfred Sihle-Wissel für solch eine Arbeit braucht, am Ende steht jedenfalls eine sich aus mehreren kubischen Formen auftürmende, asymmetrische, doch ausbalancierte Plastik vor uns. Der Sieg eines schöpferischen Menschen über die verharrenden Kräfte der Natur: Aus Holz wurde Kunst, aus einem Baum ein Kunstwerk. Bei Manfred Sihle-Wissel ist der Abstand zur Natur ziemlich groß, es ist eine ganz auf das Maß des Menschen bezogene Kunst, denn so kantig-abstrakt und auf klare Form bedacht uns die einzelnen Segmente auch erscheinen, als Ganzes, als Kunstwerk, steht uns letztlich immer eine anthropoide Gestalt vor Augen. Der Mensch ist sein Thema, letztlich die Essenz seiner Kunst, sie ist deshalb nie amorph, aber auch nie Realismus, beides interessiert ihn nicht. Ja, bei allzu getreuer Gegenständlichkeit wendet sich der Meister sogar ostentativ ab. Vor allem wenn dazu die Anatomie nicht einmal stimmt, dann kommt sogar das Wort Kitsch über seine Lippen und es ist ihm ganz egal wer sich dabei beleidigt fühlt.

Manfred Sihle-Wissel wurde in den fünfziger Jahren, an der Hamburger Hochschule für Bildende Kunst, von der klassischen Moderne geprägt und nicht nur seine Kunst, sein ganzes Weltbild ist damit verschränkt: Er ist bis heute vom Ideal der Moderne durchdrungen. Er kann gar nicht zurückrudern, und niemals würde er sich mit rosig-spiegelnden Enten eines Jeff Koons vergleichen lassen. Für ihn, der eine profunde altsprachliche Bildung durchlief, die er später, im Vergleich vor Ort in Griechenland, in der Türkei und Italien relativieren musste, als er einsehen musste, dass das Gelernte so nicht stimmte, blieb ihm aber doch das antike Ideal des sich selbst erkennenden und formenden Menschen erhalten. Und so wurden für ihn die Werke eines Belling, eines Moore, eines Lehmbruck, bis hin vielleicht zu Wotruba und Seitz, wenn auch nicht zu Vorbildern, so doch zu einer möglichen Anlehnung. Selbst in der späten Moderne ließ sich durchaus noch eine Spur zu den großen Griechen erkennen.

Vor diesem Hintergrund hat Manfred Sihle-Wissel mit seinen beiden Lehrern Erwin Scharff und Hans Martin Ruwoldt - aber vor allem mit Ruwoldt, über die Chancen einer zeitgemäßen modernen Kunst lange und oft diskutiert. Vieles ist dabei im Vagen steckengeblieben – man kann das heute noch an den Arbeiten von Lehrern und Schülern aus den fünfziger Jahren ablesen. Wie tastend, ja ängstlich ihre Versuche manchmal ausfielen, aber auch wie viel Sensibilität und Gelungenes auszumachen ist. Eine schwebende Zeit muss der Bildhauer damals durchlaufen haben, die Lösung in der Abstraktion vor Augen, und doch das Gefühl, dass auch die reine Form der Weisheit letzter Schluss nicht sein könne.

Manfred Sihle-Wissel hat nie das Sinnlose akzeptiert, er hat sich nicht verbiegen lassen, sondern ist in diesem Zwischenreich von Gestalt und Form zu einem anerkannten Bildhauer geworden. Seine Skulpturen stehen auf so manchen öffentlichen Plätzen und in etlichen Städten, unter anderem in Hamburg und Kiel, von den Arbeiten im privaten Besitz gar nicht zu reden. In Schleswig-Holstein ist er zur Zeit der wohl bekannteste Bildhauer, doch seine Wirkung geht bis weit in die Bundesrepublik hinein.

Sihle-Wissels Werk wuchs mit den Jahren zu beachtlicher Größe und Vielfalt heran. Neben der Plastik gehören auch seine Zeichnungen, Aquarelle und Collagen dazu. Sogar Forschungen über das Stillleben finden sich darunter: zum Beispiel die Arbeit „Transformation eines Würfels“, so aufregend in der Komposition und bestechend in ihrer Präzision; Tierplastiken in Bronze von Pferden und Rindern, bemalte Kleinplastiken, Reliefs und Medaillen und vor allem Portraits: Portraits, geschaffen als Auftrag und aus Neigung. Die Köpfe sind nicht das zentrale Anliegen seiner Kunst, doch in ihrer psychologischen Tiefe ein glücklicher Nebenweg. Allein die Portraits von Günter Kunert und Heinz Spielmann gehören zum Sensibelsten, was ein Mensch von einem anderen Menschen in einem Kunstwerk abbilden kann.

Über seine Stellung in der Szene macht sich Sihle-Wissel nichts vor. Er weiß, dass er die Wünsche unserer Zeit nicht erfüllt, dass er das auch nicht will und nicht kann. Im Gespräch ging er ohne Weiteres darauf ein und war sogar damit einverstanden, als einer der letzten Bildhauer angesehen zu werden, der noch mit einem Fuß in der Spätmoderne steht und mit dem anderen immer noch nach einem neuen Halt sucht. Im Großen und Ganzen eine heutzutage überholte Lebensführung, die aber doch für ihn so erfolgreich war.

Mit 80 steht Sihle-Wissel auf der Wiese hinter seinem Haus in Brammer und betrachtet seine neu geschaffene Skulptur. Er fühlt sich in seiner Kunst immer noch verbunden mit der Antike. Er weiß, er wird damit als ein Omega-Mann eingestuft, aber er hat gar nichts dagegen. Im Gegenteil.

Der Autor: Prof. Klaus Fußmann (Jahrgang 1938, Foto) ist Maler. Er lebt und arbeitet in Berlin und Gelting (Schleswig-Flensburg).

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erstellt am 01.Nov.2014 | 17:01 Uhr

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