Ton Steine Scherben : Ein ideologischer Scherbenhaufen

Drei Generationen 'Ton Steine Scherben': Kai Sichtermann, Lisa Olbrich mit Sohn Henry und Angie Olbrich (v. l.). Foto: Staudt
Drei Generationen "Ton Steine Scherben": Kai Sichtermann, Lisa Olbrich mit Sohn Henry und Angie Olbrich (v. l.). Foto: Staudt

Vor 25 Jahren löste sich die norddeutsche Politpunkband "Ton Steine Scherben" auf. Ein Besuch bei Gründungsmitglied Kai Sichtermann.

Avatar_shz von
16. Oktober 2010, 10:05 Uhr

Boren | Lange war es ein Witz. ",Wir lösen uns auf. Diesen Satz hat auch Rio immer wieder gesagt. Und dann war es doch irgendwann so weit - und so richtig konnte ich es nicht glauben." Wenn Kai Sichtermann über diese Momente des Jahres 1985 spricht, dann schwingt auch ein wenig Wehmut mit. Genau 25 Jahre ist es her seit sich die legendäre Band "Ton Steine Scherben" um ihren Sänger Rio Reiser aufgelöst hat - die Musiker waren pleite. Und für Gründungsmitglied Sichtermann, der bei Süderbrarup (Kreis Schleswig-Flensburg) lebt, ist es auch ein Stück Familiengeschichte, die 1985 ein vorläufiges Ende genommen hat. Neben ihm sitzen Angie Olbrich, lange Jahre ebenfalls Mitglied bei den Scherben und die gemeinsame Tochter Lisa Jane, die mit Vater und Mutter jetzt in der Nachfolgeband "Scherben-Family" singt.
"Irgendwie war es auch eine Erleichterung als es vorbei war", sagt Angie Olbrich. Denn sie sieht die Jahre in der Band, die wie keine zweite für die Musik des linken Zeitgeistes in den 70er und 80er Jahren stand, nicht nur wehmütig. Blutjung und von zu Hause ausgerissen war sie, als sie Anfang der 70er zu den Politrockern stieß. Kai Sichtermann spielte dort Bass. "Bevor ich bei den Scherben einstieg hatte ich noch nie einen Bass in der Hand gehabt, aber Rio hat gesagt: Du machst das schon." Die Band hat Erfolge, ihre Songs "Macht kaputt was Euch kaputt macht" und "Keine Macht für Niemand" wurden zu Hymnen der linken Szene. "Und nicht selten wurde nach den Konzerten erstmal ein Haus besetzt", sagt Sichtermann.
Die Bandmitglieder wohnen zusammen in Berlin-Kreuzberg. "Es kamen immer irgendwelche Leute vorbei, die irgendwas wollten und auch dort übernachteten. Immer mal wieder hat die Polizei geklingelt, die jemanden einfangen wollte", erinnert sich Olbrich. Und: "Wir hatten kaum was zum leben, weil wir als linke Band immer solidarisch zu sein hatten. Aber von irgendwas mussten wir ja auch leben. Auf Tour mussten wir in den letzten Löchern pennen. Die Leute hatten den Kühlschrank voll - und wir hatten nichts zu fressen." Und so ging sie mit anderen Bandmitgliedern Lebensmittel klauen, wie sie freimütig zugibt.
Reich werden die Scherben nie
Mitte der 70er Jahre reicht es den Scherben. Angie Olbrich sucht und findet ein altes Bauernhaus - in Fresenhagen (Kreis Nordfriesland). "Es war ein bisschen heruntergekommen, nicht alle Zimmer waren bewohnbar und aus dem Dach wuchs auch schon ein Baum - aber es war bezahlbar", sagt Olbrich. Die Musiker richten sich ein - und entfliehen so ein wenig dem Druck aus dem hoch politisierten West-Berlin.
Nach und nach bauen sie das Haus aus, ein Tonstudio entsteht. Sie produzieren immer mehr Songs, doch reich werden die Scherben nie. Auch nicht als Claudia Roth, die heute Parteichefin der Grünen ist, das Management übernimmt. Auf der letzten Tour der Scherben verliert Rio Reiser bei Konzerten vorübergehend seine Stimme - die Band ist pleite. "Wir wollten zur Industrie", sagt Sichtermann und meint damit einen gut dotierten Plattenvertrag. "Aber das hat irgendwie nicht geklappt." Und so löst sich die Band auf, Sänger Rio Reiser startet seine Solokarriere - bei der Industrie - und feiert mit Songs wie "König von Deutschland", "Junimond" und "Alles Lüge" Riesenerfolge.
Sichtermann und Olbrich wohnen da schon lange nicht mehr in Fresenhagen. "Da war ja nichts privat. Da saß immer schon jemand morgens am Küchentisch oder das Bad war besetzt - damit fing es schon an", sagt Angie Olbrich. "Und als Lisa Anfang 1981 geboren wurde - da ging es schon gar nicht mehr."
Die Bandmitglieder verstreuen sich, manche machen weiter Musik, wie Rio Reiser. 1996 stirbt er in Fresenhagen. Andere wandern aus, wieder andere wie Sichtermann "hangeln sich so durch", wie er selbst sagt. "Manche kämpfen noch heute hart ums Überleben", sagt Angie Olbrich, die mit Sichtermann ein neues Bandprojekt hat: "Angelss Blue". Und seit 2004 gibt es die "Scherben Family", in der fast alle noch lebenden Bandmitglieder zusammenspielen.
Heil ist nur geblieben, was immer noch viele begeistert: die Musik.
Lisa Olbrich ist dabei das Scherben-Kind. "An die aktive Zeit der Band habe ich keine Erinnerung. Aber die Musik ist immer noch toll." Immer mal wieder sei sie darauf angesprochen worden, auch in der Schule in Süderbrarup. "Mit der Musik können viele in der linken Szene auch heute noch etwas anfangen." Die Geschichte der Scherben sei ja auch irgendwie ihre Lebensgeschichte. Und mitzusingen sei "ein tolles Erlebnis". Auch wenn sie zur Zeit pausiert - Sohn Henry zu liebe, der vor ein paar Wochen zur Welt kam, als "Scherben-Enkel".
Eines von Lisas Lieblingsliedern heißt "Der Traum ist aus." Und dieses Lied trifft auch ein bisschen auf das zu, was den erbitterten Streit ausmacht, der Rio Reisers Erben und die Scherben spaltet. Die fühlen sich von Reisers Brüdern betrogen, weil die den Kult nur um den Sänger betreiben, den Rest der Band aber ignorieren. Reisers Brüder wiederum glauben, dass die Scherben-Family sich auch das materielle Erbe ihres Bruders sichern will. Es geht um Geld, verletzte Eitelkeiten und Erinnerungen an eine Zeit, die viele vermissen. Der Streit beschäftigt mittlerweile Gerichte, seit Jahren werden alte Scherben-Platten nicht mehr neu aufgelegt, weil unklar ist, wer daran wieviel Geld verdienen soll. "Das Verhältnis ist nicht mehr zu kitten", sagt Kai Sichtermann. Und das Haus in Fresenhagen steht seit Monaten zum Verkauf. Was aus Rio Reisers Grab im Garten wird, ist unklar.
Und so liegt nach 25 Jahren eben vieles in Scherben, nur anders als 1985. Heil ist das geblieben, was immer noch viele begeistert: die Musik.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen