Wolf Biermann : Ein großer Dichter und "grober Musikant"

Wolf Biermann - kein Dichter und Liedermacher der Nachkriegszeit hat die Stadt Berlin so liebevoll besungen und so rabiat bedichtet wie der heute 72-Jährige. Foto: dpa
Wolf Biermann - kein Dichter und Liedermacher der Nachkriegszeit hat die Stadt Berlin so liebevoll besungen und so rabiat bedichtet wie der heute 72-Jährige. Foto: dpa

Ausgerechnet Hölderlin! Wolf Biermann kommt mit Texten von einem der bedeutendsten deutschen Lyriker nach Lübeck. Karin Lubowski sprach mit dem 72-Jährigen.

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24. August 2009, 10:00 Uhr

Herr Biermann, es gäbe genug von Ihnen selbst, das sich zum Thema deutsche Kultur in Worten und Noten hören lassen könnte. Warum kein Biermann zum Schleswig-Holstein Musik Festival ?
Sie haben recht. Aber eins schließt das andere nicht aus. Bei anderer Gelegenheit liefere ich sehr gerne ein reines Biermann-Konzert. Dieses Mal aber freut es mich, als grober Musikant, der ich ja bin, mit dermaßen feinen Musikern aufzutreten, denn sie haben sich spezialisiert auf die vorklassische Musik, also auf Bach, auf Händel und noch frühere. Thomas Pietsch und seine drei Kollegen spielen auf alten Instrumenten, also ohne den satten und üppigen Fettlebe-Ton, der besonders seit der Romantik Mode wurde. Im Reichtum dieser älteren kargen Musik trifft sich das Musikalische noch mit dem Musikantischen, die Instrumente reden miteinander, Monolog, Dialog, Streit, Rhetorik. Daher der Titel des Konzerts: "Vom Klang der Rhetorik" Und es wird, wie im Jazz, auch improvisiert.

Und warum ausgerechnet Hölderlin?
Weil der mehr Musik hat in seiner Sprache und deutscher ist als alle deutschen Dichter zusammen. Deutsch im erhabensten und im elenden Sinn. Von dem leben und lernen wir alle, die seither was taugen.

Was werden wir am Dienstag in der Jakobikirche hören?
Pietsch spielt mit seiner Barockgeige, begleitet von Theorbe, das ist die alte Basslaute, und vom Cello und vom Cembalo Stücke von Friedrich Händel. Ich lese dazu den beliebtesten Hyperionbrief, der oft zitiert wird, aber leider selbstmitleidig auch von eitlen Affen, die selbst ein Beispiel für dieses Elend sind: "So kam ich unter die Deutschen..." Aber dann verklare und rezitiere ich den allerletzten Brief des Hyperion an seinen Freund Bellarmin, ein Text, den kaum einer auf der Rechnung hat, und der bei mir aus Gründen, die ich kurz verklaren werde, so hoch im Kurs steht. Na und dann singe ich a cappella - also ohne Gitarre - vielleicht noch mein Hölderlin-Lied.

Warum Musik von Händel? Haben Sie zu dem auch eine besondere Verbindung?
Händel und Hölderlin, das passt. Die Musik spricht, die Sprache singt. Noch anders als der Gott Bach stand dieser Mensch Händel schon mit einem Fuß in der neueren Zeit: Dieser Deutsche verließ seine Heimat, verwirklichte sich im frühbürgerlichen England. Ein Wanderer wie auch wir.

Die Person und vor allem der Künstler Biermann ist ja mit der neuesten deutschen Geschichte eng verwoben. Hamburg, Berlin (Ost), Bundesrepublik: Wie geht es Ihnen mit dem derzeitigen Deutschland, was genießen Sie?
Dass wir endlich mal neue Probleme haben - wie es bei Hölderlin heißt: "unter den Deutschen", und nicht mehr die alten im Kalten Krieg.

Und wie geht es Ihnen mit der aktuellen deutschen Kultur?
Dieser Frage bin ich nicht gewachsen. Ich würde ins Quasseln kommen, und das wäre zu nichtig und viel zu lang für ein Zeitungsinterview.

"Der Klang der Rhetorik": Dienstag, 25. August, 20 Uhr, in der St. Jakobikirche in Lübeck. Hörplatz-Karten für 10 Euro sind an der Abendkasse erhältlich.

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