5. Sinfoniekonzert : Ein Drahtseilakt deutscher Klassiker

Mihkel Kütson und das Schleswig-Holsteinische Landessinfonieorchester überzeugen mit Altem - und wagen Neues.

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12. Februar 2009, 10:58 Uhr

Schleswig | Die deutschen Klassiker haben in der Aufführungspraxis etwas gemein mit einem blondgelockten, wettenden Showmaster. Stehen Werke wie Mozarts Sinfonie g-moll KV 183 oder gar Beethovens 5. Symphonie auf dem Programmzettel, ist dies nicht originell, dafür aber ein Garant für Zufriedenheit. Und doch sollte das 5. Sinfoniekonzert im Schleswiger Theater am Dienstag keineswegs gefällig daherkommen.
Stattdessen nutzte Dirigent Mihkel Kütson den Rahmen der Schwergewichte, um "dem Andenken eines Engels" (1935) von Alban Berg zu Leibe zu rücken. Nach einem gelangweilten Mozart enttarnte Kütson Bergs musikalisches Porträt von Alma Mahlers verstorbener Tochter als ein im Kern fragmentarisches spätklassisches bis frühromantisches Werk. Großartig fühlte sich Solist Linus Roth in die klagende bergsche Melodik ein. Bald weinte und schrie und schluchzte seine Violine. Wunderschön, ergreifend und erschreckend zugleich - trägt doch jede 1935 niedergeschriebene Note bereits die Ahnung von der heraufziehenden Katastrophe des NS-Regimes in sich.
Die anschließende Fünfte von Beethoven kann immer begeistern - und doch hat ein jeder sie schon (zu) oft gehört. Der "Gottschalk"-Faktor. Das vielleicht großartigste Werk der Musikgeschichte ist pure Gewalt. Doch benötigt das Donnern des ersten Satzes auch die Spannung des Lyrischen als Widerpart. Dieses kam in Schleswig jedoch mehr der Beschallung eines Liebestunnels auf der Kirmes gleich. Und als habe Kütson es wieder gut machen wollen, formte er den letzten Satz zum grandiosen Drahtseilakt. Der stürmische Applaus blieb so verdient - für einen mutigen Berg und den wunderbaren letzten Satz der Fünften.

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