Zum Tod von Maler Bernhard Heisig : "Ein Bild ist nie fertig"

Bernhard Heisig neben seinem Baumbild mit dem Titel 'Ritter Kuno kam aus Sachsen, wo die hübschen Frauen auf den Bäumen wachsen'.  Foto: Zarp
Bernhard Heisig neben seinem Baumbild mit dem Titel "Ritter Kuno kam aus Sachsen, wo die hübschen Frauen auf den Bäumen wachsen". Foto: Zarp

Zum Tod des Malers Bernhard Heisig berichtet Frank Zarp von der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen über eine Begegnung mit Heisig.

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11. Juni 2011, 11:29 Uhr

Strodehne/gottorf | "Er kommt und überbringt sein Bild persönlich." Die Freude ist groß. Dann die Ernüchterung: "Nein, er ist zu schwach - aber das Bild, ja, das wird fertig." Am Ende des Winters keimt noch einmal Hoffnung auf: "Vielleicht kommt er doch, heute geht es ihm ganz gut." Schließlich die endgültige Absage, wenige Tage vor dem Empfang. "Er ist zwar wohl auf, aber eine so lange Reise schafft er nicht mehr." Bernhard Heisig hatte im Frühjahr 2006 die Strapazen seines 81. Geburtstags mehr schlecht als recht überstanden, war aber in Folge eines Schlaganfalls seit Monaten an den Rollstuhl gefesselt. So wurde in Schleswig anlässlich des Internationalen Museumstages der Festakt zu Ehren des Baumkünstlers 2006 in dessen Abwesenheit gefeiert. Am Tag nach seinem Tod - Bernhard Heisig verstarb am Freitag im Alter von 86 Jahren in seinem Atelierhaus im brandenburgischen Strodehne - werden Erinnerungen wach an das Gemälde mit dem wohl schrillsten Titel aller Gottorfer Kunstwerke und seinen Schöpfer: "Ritter Kuno kam aus Sachsen, wo die hübschen Frauen auf den Bäumen wachsen."
Im Herbst 2005 hatte der Altmeister der "Leipziger Schule" der Bitte aus Schleswig-Holstein nachgegeben, ein sogenanntes "Baumbild" für Schloss Gottorf zu erschaffen, wenngleich Heisig wenige Wochen später bei einer persönlichen Begegnung in Berlin den damaligen Gottorfer Museumsdirektor nicht frei von Skepsis fragte: "Sagen Sie mal Herr Guratzsch, was wird denn von mir als Baummaler eigentlich erwartet?" Zu der Zeit hatte auf Gottorf längst das Zittern um das künftige Baumkunstwerk begonnen. Denn als ein Künstler, der stets an mehreren Werken gleichzeitig arbeitete, löste Heisig bei Ausstellungsmachern regelmäßig Ängste aus.
Porträtmaler von West-Bundeskanzler Helmut Schmidt
Berühmtheit erlangte er noch zu DDR-Zeiten nicht nur durch die Rückgabe sämtlicher Orden oder dadurch, dass West-Bundeskanzler Helmut Schmidt sich Jahre vor dem Fall der Mauer für die Kanzler-Galerie ausgerechnet von ihm porträtieren ließ, sondern auch, weil man erlebte, wie er nach Ausstellungseröffnungen klammheimlich Bilder zu Ende malte. "Ein Bild ist nie fertig", gab er in solchen Situationen stets zu Protokoll. Seit seiner Zeit als Direktor des Leipziger Museums der Bildenden Künste stand Herwig Guratzsch in regelmäßigem Kontakt zu Heisig, dessen Meisterschüler und Assistenten Neo Rauch hatte der gebürtige Dresdner Guratzsch als einer der ersten Kuratoren überhaupt in den 1990er Jahren einen Kunstpreis verliehen.
Heisigs Ehefrau Gudrun Brüne hielt im Frühjahr vor fünf Jahren den Kontakt zum Landesmuseum in Schleswig, informierte über den Gesundheitszustand ihres Mannes, ließ sich dabei aber immer nur ein paar spärliche Sätze zum Fortgang der Arbeiten am "Baumbild" entlocken. Als der Gesundheitszustand des Künstlers einen zweiten Besuch auf Schloss Gottorf verbot - im Juli 2002 hatte das Ehepaar Heisig/Brüne zusammen mit Helmut und Loki Schmidt an der Eröffnung einer Ausstellung aus der Sammlung Piepenbrock teilgenommen -, setzte sich Herwig Guratzsch schließlich am 19.Mai 2006 in sein Auto und fuhr 24 Stunden vor Beginn des Festakts ins Havelland. Das Wiedersehen war herzlich, drei Stunden lang schwelgte man in Erinnerungen, kommentierte auch aktuelle Entwicklungen in der Kunstszene. Dass Maler-Star Neo Rauch wenige Tage zuvor in Hamburg effektvoll ausgerufen hatte "Heisig war mein wichtigster Lehrer" tat der Gelobte grummelnd ab. Die durch Rauch berühmt gewordene "Junge Leipziger Schule" sei für ihn kein Qualitätsbegriff, sondern nicht mehr als eine Vermarktungsstrategie. Einige Glas Rotwein später dann die bange Frage nach dem Baumbild. "Ist fertig Herr Guratzsch, war doch abgemacht. Und ein Baum ist auch drauf." Passend zum grotesk anmutenden Motiv ließ der Künstler sich in den nächsten Sekunden dann den Titel einfallen. Bernhard Heisig ging es gut an diesem Tag im Mai. Und gemalt hatte er auch noch bis zur letzten Minute an seinem Ritter Kuno. Davon zeugte noch Tage nach dem besonderen Kunsttransport ein beißender Geruch von Ölfarben im Gottorfer Dienstwagen.
(shz)

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