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Neue Deutsche Welle-Star : „Eigentlich wollte ich Landwirt werden“

vom
Aus der Redaktion der Landeszeitung

Zwischen Elektro-Beats und der Ruhe auf dem Land: Der Hamburger Musiker Joachim Witt über sein neues Album, alte Hits und sein Leben in einem Dorf im Kreis Herzogtum Lauenburg.

shz.de von
erstellt am 25.Apr.2014 | 07:08 Uhr

Die Neue Deutsche Welle spülte Joachim Witt Anfang der 80er Jahre ganz nach oben, sein Hit „Goldener Reiter“ machte ihn bekannt. Doch inzwischen schlägt der 65-Jährige andere Töne an. An der Seite von Peter Heppner entdeckte er seine Liebe zu pathetischen Klängen. Ihr Duett „Die Flut“ verhalf dem gebürtigen Hamburger, der auch einen Wohnsitz in Schleswig-Holstein hat, 1998 zum großen Comeback. Seither verschreibt er sich mit sehnsuchtsvoll-melancholischen Liedern dem Genre Neue Deutsche Härte. Die Stücke seines neuen Albums „Neumond“, das heute erscheint, sind teilweise sentimental, teilweise selbstreflexiv. Sie schöpfen ihre Kraft aus dem Zusammenspiel von elektronischen Beats und martialischem Gesang.

Herr Witt, neben Rammstein gelten Sie als einer der populärsten Vertreter der Neuen Deutschen Härte.
Ehrlich gesagt interessieren mich Genres nicht. Ich mache immer die Art von Musik, an der ich gerade Spaß habe. Dummerweise wird sie dann von außen kategorisiert. Das hat mich schon in den 80ern furchtbar aufgeregt. Meiner Ansicht nach wurde der Begriff Neue Deutsche Welle meinen Liedern nie gerecht. Schließlich habe ich keine Partysongs gesungen. Auf meiner gesamten „Silberblick“-Platte nahm ich mich damals sehr ernsthafter Themen an.

Mit „Goldener Reiter“ wurden Sie berühmt. War dieser Hit aus heutiger Sicht eher ein Fluch oder ein Segen für Sie?
Natürlich empfinde ich ihn immer noch als Geschenk. Was kann einem Künstler Besseres passieren, als Erfolg mit seiner Arbeit zu haben? Allerdings fiel ich danach in ein tiefes Loch, als plötzlich keiner mehr meine Musik hören wollte. Ich litt unter Existenzängsten und versuchte zeitweilig, mich mit Alkohol zu betäuben. Es dauerte einige Jahre, bis ich wieder zu mir selber gefunden habe.

Hat Sie diese Erfahrung dazu gebracht, den Titel „Aufstehen“ zu schreiben?
Nein, nicht direkt. Ich denke, jeder von uns kennt das Gefühl, an seine Grenzen zu stoßen. Sei es als Individuum oder als Teil einer Gesellschaft. In so einer Situation ist es wichtig, eben nicht aufzugeben und von einer Brücke zu springen, sondern die Zuversicht zu behalten. Vielleicht können wir für etwas aufstehen, vielleicht müssen wir gegen etwas aufstehen – Hauptsache, wir manövrieren uns aus unserer Sackgasse heraus.

Diese sehr pathetische Nummer wird vermutlich ebenso polarisieren wie viele Ihrer anderen Stücke. Wie gehen Sie damit um?
Tatsache ist: Man kann nicht alles mögen. Dem einen ist meine Stimme womöglich zu tief, dem anderen macht die Emotionalität meiner Musik Angst. Ich glaube, viele Menschen trauen sich gar nicht mehr, ihren Empfindungen freien Lauf zu lassen. Weil sie befürchten, daraus entsteht ihnen im Beruf oder in der Partnerschaft ein Nachteil.

Sie selber kehren Ihr Innerstes gerne nach außen und bezeichnen sich in dem Lied „Neumond“ als „Schüchternen mit Seelenqual“.
Ich bin recht introvertiert. Aber trotz meiner Zurückhaltung war ich stets bestrebt, meinen eigenen Weg zu gehen. Als ich meine Begabung für die Musik entdeckt habe, kultivierte ich sie bestmöglich. Damit hatte ich meinen Mitmenschen einiges voraus. Es erschüttert mich wirklich, dass viele Leute nicht mal wissen, was ihnen überhaupt gefällt. Geschweige denn, wofür sie Talent haben.

Gab es für Sie nie eine Alternative zum Musikerberuf?
Ursprünglich wollte ich Landwirt werden. Obwohl daraus nichts wurde, bin ich bis heute sehr naturverbunden. Ich wohne zeitweilig in einem Dorf im Kreis Herzogtum Lauenburg. Manchmal gucke ich einfach nur aus dem Fenster und genieße den Blick auf die schöne Landschaft. Das sind für mich besinnliche Momente, die ich als Ausgleich für die Arbeit brauche.

War es schwierig für Sie, sich in die Dorfgemeinschaft einzufügen?
Nein. Ich mag das Bodenständige der Landbevölkerung. Also haben wir ein paar Biere miteinander getrunken und uns besser kennengelernt.


Joachim Witt tritt Di, 6. Mai, 21 Uhr, in der Hamburger Markthalle auf, Karten: 01806/570070


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