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Echte und ausgedachte Frauen

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Kunstwerke von Horst Janssen aus einer Privatsammlung werden im Ostholstein-Museum in Eutin präsentiert

shz.de von
erstellt am 07.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Eutin | Eine umfangreiche Privatsammlung mit Zeichnungen und Farbradierungen von Horst Janssen zeigt jetzt das Ostholstein-Museum in Eutin. Zur Eröffnung erschienen neben seiner Tochter Lamme auch zwei seiner ehemaligen Geliebten. Es war brechend voll - und das lag sicher nicht nur an den exquisiten Bildern des Künstlergenies Horst Janssen (1929-1995), sondern vor allem wohl an dem Umstand der angekündigten Rednerinnen: Seine Ex-Geliebte, die Grafikerin Gesche Tietjens, und seine Tochter, die ihren Vater erst mit 31 Jahren kennenlernte. Auch seine dritte Ehefrau Verena war gekommen, eine Enkelin des einstigen Reichskanzlers von Bethmann Hollweg.

Viel ist über die Exzesse, die Frauen und den Alkoholkonsum Janssens gelästert und geschrieben worden, und sein impulsiver Charakter war ja schließlich das Kapital seiner Kunst: Jedes Bild scheint eine Explosion zu sein, eine Eruption physischer und geistiger Kräfte, surreale Simultanitäten, die sich in der Ausstellung in Personen- und Landschaftsgrafiken entdecken lassen.

Janssens Frauengeschichten - und Bildern - wurde vor elf Jahren in Oldenburg eine eigene Ausstellung gewidmet, da hingen nun die Augen und Ohren der Eutiner Eröffnungsbesucher ganz besonders an Gesche Tietjens, die 1968 mit ihm zusammen kam und einen gemeinsamen Sohn mit ihm hat. "Um den Gerüchtebock gleich bei den Hörnern zu packen: Er war durchaus monogam. Allerdings in Serie", führte Tietjens unter allgemeinem Gelächter aus. Zu den meisten "Verflossenen" blieb der Kontakt indes bestehen, und nach wie vor zeigen sich "seine Frauen" fasziniert von seinem vielseitigen, immer präsenten Wesen. "Sein verwirrender Bilder-, Motiv- und Ideenreichtum war für Janssen zumeist ein Passionsweg von Abgrund zu Abgrund - mit nachfolgender Auferstehung", sagte die heute in Eckernförde lebende Grafikerin. Es waren Abgründe, in die er seine Partnerinnen mitzureißen pflegte und aus denen sich früher oder später jede befreite. Acht Jahre - von 1960 bis 1968 - hielt seine dritte und letzte Ehe mit Verena. Gesche Tietjens, die ihn zu längeren Reisen bewegen konnte, auf denen er zuweilen monatelang keinen Alkohol anrührte, blieb ihm trotz Trennung stets verbunden.

Aus seiner ersten Ehe mit Marie Knauer wurde 1956 Tochter Katrin geboren, Lamme genannt. Nach der Scheidung ging die Mutter 1959 nach Kanada, wo Lamme aufwuchs. "Mein Leben lang habe ich diesen Vater nie vermisst - aber ich glaube, ich habe eine unbewusste Verlustangst", gesteht die Janssen-Tochter. Erst als sie selbst Mutter wurde, wollte sie ihren eigenen Vater kennenlernen und reiste 1991 nach Hamburg, wo sie ihn bis zu seinem Tod oft besuchte. Gezeichnet hat er auch nach ihr, einmal bat er sie, sich rote Strümpfe zu besorgen - was in einige der erotisch-grotesk-brutal wirkenden Blätter einging.

Allerdings, das bestätigen Lamme Janssen und Gesche Tietjens, hat er so gut wie nie seine eigenen Frauen für erotische Darstellungen als Motive genutzt, ja, er habe auch keine fremden Modelle genommen: "Es sind alles ausgedachte Figuren", so Tietjens. Und von sadistischen Spielen sei er weit entfernt gewesen, obwohl das die Grafiken nahe legen können. Aus einem entsprechenden Kinofilm - "Schöne Hexen" - sei er sogar geflüchtet, als es da zur Sache ging. So lebt der Mythos Horst Janssen zwischen Gefühl und Aggressivität - bis heute auch von "seinen Frauen" genährt.

Ostholstein-Museum, Schlossplatz 1, Eutin. Bis 11. August. Di-Fr 10-13 u. 14-17 Uhr, Sa+So 10-17 Uhr.

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