Don Quichottes ewiger Kampf gegen die Moderne

Tragische Figur: Don Quichotte (Kai-Moritz von Blankenburg) Foto: lt
Tragische Figur: Don Quichotte (Kai-Moritz von Blankenburg) Foto: lt

Avatar_shz von
27. Mai 2013, 03:59 Uhr

Flensburg | Seit 400 Jahren geistert er durch die Weltliteratur: Don Quichotte, der spleenige Ritter aus dem Roman von Miguel de Cervantes, der gegen die Neue Zeit wacker das Fähnlein vermeintlich mittelalterlicher Tugenden schwingt: Ehrlichkeit, Tapferkeit, Frömmigkeit, Anbetung edler Frauen.

Er ist der Prototyp aller Modernisierungsverlierer. Jules Massenet widmete ihm 1911 eine Oper, die anders als die literarische Vorlage trotz gewisser Anfangserfolge weitgehend in Vergessenheit geriet. Auch das Interesse des Regie-Theaters der 1970-er Jahre änderte daran wenig. Doch blieb eine giftig-ironische deutsche Übersetzung von Götz Friedrich. In dieser Fassung schritt man jetzt am Schleswig-Holsteinischen Landestheater zur Ausgrabung des "Belle Epoque"-Stücks, das einst die feine französische Gesellschaft aufs Korn nahm. Die Idee war dem Sender "Deutschland-Radio Kultur" eine Live-Übertragung aus Flensburg wert.

Regisseur Markus Hertel macht nicht den Fehler, die Geschichte im frühneuzeitlichen Spanien anzulegen, sondern findet im stilisierten Bühnenbild von Sibylle Meyer eine überzeitliche Erzählweise. Dem Lonesome-Cowboy Don Quichotte in Blue-Jeans und Lederweste (großartig auf dem schmalen Grad zwischen Rührung und Lächerlichkeit: Bariton Kai-Moritz von Blankenburg) und seinem treuen Diener Sancho Pansa (Paraderolle für Markus Wessiack) stellt er eine schräge Karnevalsgesellschaft gegenüber, die von der zur Puffmutter mutierten Dulcinea (Svitlana Slyvia mit voluminösem Mezzo, den sie allerdings etwas nuancierter führen könnte) regiert wird.

Gar nicht so einfach zu sagen, wer hier spinnt: Dulcineas Hofschranzen oder der arme Ritter? Dass die Handlung bisweilen sperrig ist, wird auch in dieser Produktion deutlich. Doch findet Hertel nach etwas klamaukigem Beginn beeindruckende Bilder - etwa beim Kampf mit den Windmühlen oder der Sterbeszene des Helden.

Musikalisch ists ein ungetrübter Genuss: Das bestens aufgelegte Landessinfonieorchester spielt unter der Leitung von Peter Sommerer vor, auf und hinter der Bühne und schwelgt in Massenets spätromantisch-süßlicher Tonsprache. "Klare helle Farben und flüsternde Melodien", die Claude Debussy an seinem älteren Kollegen so schätzte, kommen bestens zur Geltung. Eine interessante Ausgrabung. Schade nur, dass man sich nicht entschließen konnte, die Zuschauer beim Verständnis der unbekannten Oper zu unterstützen: An anderen Häusern sind Übertitelungen auch bei deutschsprachigen Produktionen längst üblich.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen