Dirigent springt für Sänger ein

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09. März 2012, 03:59 Uhr

Flensburg | 19.34 Uhr im nahezu ausverkauften Deutschen Haus in Flensburg. Man wartet auf den Bach-Chor, den Sinfonischen Chor Hamburg und das Schleswig-Holsteinische Sinfonieorchester. Doch die Bühne ist leer.

19.37 Uhr: Die ersten Gäste werden unruhig. Ein Werk wie Felix Mendelssohn-Bartholdys Oratorium "Elias" braucht seine Zeit. Versuche, mit rhythmischem Klatschen Sänger und Musiker aus der Garderobe zu locken, fruchten nicht.

19.41 Uhr: Chorsänger und Orchester betreten die Bühne. Es folgen die Gesangssolisten. Nur drei statt vier. Bach-Chor-Leiter Matthias Janz verkündet die Hiobsbotschaft: Bassist Yorck Felix Speer sitzt nach einer Vollsperrung bei Neumünster auf der Autobahn fest. Die Losung des Abends: Warten auf Elias.

19.45 Uhr: Janz hat einen Notfallplan: Tenor Simon Bode übernimmt die kurzen einleitenden Worte des Elias. Anschließend beginnt das Orchester souverän und dramatisch mit der Ouvertüre. Der Chor wirkt in den ersten Takten seines "Hilf Herr!" noch verunsichert, gewinnt aber im Laufe des Geschehens an Souveränität und entfaltet eine enorme klangliche Bandbreite. Dem in Tausenden von Wunschkonzerten längst zur Strecke gebrachten "Denn er hat seinen Engeln" hauchen die Sänger mit munterem Tempo und delikater Leichtigkeit neues Leben ein. Bei der Wiederbelebung eines Knaben gibt Janz im Duett mit Sopranistin Sophie Witte den Elias und muss dabei dem Orchester den Rücken zuwenden. Anschließend vorgezogene Pause.

20.50 Uhr: Janz hat seinen Notfallplan umgestrickt; Simon Bode bekommt eine Doppelrolle. Auch wenn seiner schlanken Tenorstimme dafür die Tiefen fehlen, gelingt sein vom Blatt gezauberter Elias erstaunlich souverän. Seinen eigenen Part erfüllt er mit Bravour und verschmitztem Lächeln. Sophie Witte brilliert mit blitzsauberer Intonationen und großem klanglich-dynamischen Nuancenreichtum. Altistin Wiebke Lehmkuhl begeistert vor allem als hasserfüllte Königin, die wütend die Hinrichtung des Propheten fordert.

21.15 Uhr: Ist ers? Nein. Chorsänger Pelle Pries hat sich zum wunderschönen Quartett "Wirf dein Anliegen auf den Herrn" zu den Solisten gesellt. Sein Sohn Piet fasziniert als Knabensopran mit ätherisch hellen Höhen.

21.35 Uhr: Yorck Felix Speer hats geschafft. Nimmt seinen Platz neben Simon Bode ein. Allerdings ist der Bassist sichtlich und hörbar gezeichnet von den Strapazen der Fahrt.

22.35 Uhr: Mit dem triumphal präsentierten Schlusschor "Alsdann wird euer Licht hervorbrechen" endet die Aufführung. Notwendigerweise nicht die gelungenste der vier, die in dieser Woche von Bachchor und Orchester zu hören sind. Aber die spannendste.

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