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"Dieser Preis hat doppelten Wert"

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Der Literaturwissenschaftler und Celan-Preisträger Friedhelm Rathjen spricht über Freud und Leid des Übersetzer-Daseins

Südwesthörn | Der renommierte Paul-Celan-Preis wird in diesem Jahr dem Übersetzer Friedhelm Rathjen verliehen. Der in Südwesthörn (Kreis Nordfriesland) ansässige Literaturwissenschaftler erhält den mit 15 000 Euro dotierten "Übersetzer-Oskar" für sein Gesamtwerk, teilte der Deutsche Literaturfonds mit. Der Preis wird am 10. Oktober während der Frankfurter Buchmesse überreicht. Die Jury würdigte vor allem Rathjens Neuübersetzung des Romans "Ein Porträt des Künstlers als junger Mann" von James Joyce. Rathjen ist auch durch eine Kontroverse um eine "Moby Dick"-Übersetzung bekannt geworden. Seine Übersetzung ließ der Hanser Verlag von einem anderen Übersetzer überarbeiten. Aufgrund des Ausmaßes der Änderungen wollte Rathjen die Übersetzung nicht mehr unter seinem Namen veröffentlichen lassen. Seine Fassung wurde daraufhin bei Zweitausendeins publiziert, die andere, stark bearbeitete, bei Hanser.

Herr Rathjen, das Übersetzen von Büchern ist doch sicherlich ein einsames Geschäft, oder?

Das Schreiben ist nie einsam. Ich habe immer Gesellschaft, nämlich die Gestalt des Buches, das ich übersetze, des Themas, mit dem ich mich beschäftige, oder des Autors, über den ich schreibe. Außerdem brauche ich nur aus dem Fenster zu schauen, irgendwas ist da immer los, irgendwas ist immer in Bewegung - der Himmel, das wogende und rauschende Schilf in den Gräben, die Schafe am Deich oder die Seevögel.

Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

Der Vormittag ist in der Regel Arbeitszeit, bis um elf, dann muss ich dringend aufs Rad, erst nach dem Mittagessen wird weitergearbeitet, unterbrochen von einer Kaffeepause; wenn ich ganz viel Glück habe, kommt auch mal Besuch und befreit mich von der Arbeitspflicht. Im übrigen bin ich selbst ja der einzige, der diese Pflicht überwacht, ich bin schließlich mein eigener Chef, verfüge über das Privileg, meine Zeit völlig frei einteilen zu können, und zum Glück über genug Selbstdisziplin, trotzdem alles geregelt zu kriegen. Hilfreich sind zudem feste Termine, die eingehalten werden müssen.

Ein fester Termin wird sicherlich die Verleihung des Paul-Celan-Preises im Oktober in Frankfurt sein. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Dieser Preis hat für mich doppelten Wert, einmal als Auszeichnung meiner Arbeit, einmal als finanzielle Zuwendung. Als Übersetzer bin ich über die Jahre hinweg nicht ohne Anfeindungen geblieben, weil ich bei extremer Literatur zur extremen Übersetzung neige, was nicht allen gefällt - insbesondere bei der Auseinandersetzung um meine "Moby-Dick"-Übersetzung bin ich von der Gegenseite als Stümper dargestellt worden, der kein vernünftiges Deutsch zustande bringe und dessen Übersetzung vollkommen unlesbar sei. Seit Christian Brückner diese Übersetzung ungekürzt als Hörbuch eingelesen hat, ist dieser letztgenannte Vorwurf nicht mehr so häufig zu hören, aber es ist schon so, dass ich in manchen Kreisen immer noch Persona non grata bin.

Wie sehr berühren Sie diese Vorwürfe?

Das kann ich ertragen, solange ich selbst vom Wert meiner Arbeit überzeugt bin und weiß, dass zumindest ein Teil des Publikums es auch ist - aber so ein Preis zeigt halt, dass der Teil des Publikums, der mit mir mitgeht, keine so unmaßgebliche Minderheit ist. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass dieser Preis kein rein symbolischer Akt, sondern recht ansehnlich dotiert ist, und das hilft einem literarischen Übersetzer ganz enorm.

Wie wird man denn überhaupt literarischer Übersetzer?

Ich habe in gewissem Sinne von Kindheit an übersetzt, meine Muttersprache ist das Plattdeutsche, und ich lernte früh, zwischen dieser für mich rein mündlichen ersten Sprache und der ersten Fremdsprache, nämlich dem Hochdeutschen, zu springen. Das war ganz natürlich, und man musste nicht weiter drüber nachdenken.Dass ich irgendwann mit literarischen Übersetzungen begann, hängt mit James Joyce zusammen. Ich las anfangs alle seine Bücher in deutscher Übersetzung - eines gab es aber nicht in Übersetzung, "Finnegans Wake", das komplizierteste Werk der Weltliteratur, da musste ich mir erste Übersetzungen daraus selbst herstellen.

Ein schwieriger Start ins Berufsleben...

Ja. Und eine gute Erfahrung, denn alles, was danach kam und noch kommen kann, ist damit verglichen einfach.

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erstellt am 08.Aug.2013 | 03:59 Uhr

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