Musikprofessor Bernd Ruf : "Dieser Grenzgang reizt mich"

Eingespieltes Duo: Raul Jaurena (links) und Bernd Ruf.  Foto: staudt
Eingespieltes Duo: Raul Jaurena (links) und Bernd Ruf. Foto: staudt

Der Lübecker Musikprofessor Bernd Ruf spricht über seine Arbeit mit Grammy-Gewinner Raul Jaurena und die gemeinsame Tour durch den Norden.

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16. August 2011, 10:12 Uhr

Herr Ruf, der Titel Ihrer Konzerte im Norden lautet "Tango Tales" - also Tango Geschichten. Welche Geschichten sind es denn, die der Tango erzählt?
Bernd Ruf: Es geht um persönliche Geschichten von Raul Jaurena, denn die Tour steht im Zeichen seines Geburtstages. Er wird am 26. August 70 Jahre alt. Und er hat unglaublich viel erlebt. Sein Leben stand immer unter dem ganz zentralen Motto "Tango". Für ihn gilt, wie bei wenigen Musikern, dass er eine Einheit von dem ist, was er spielt - also musikalisch lebt-, und dem, was er tatsächlich lebt.
Bei Tango denken viele spontan eher an südamerikanische Tänzer und eine Rose im Mund. Sollte man das von Ihnen beiden im Rahmen ihrer Kirchentour durch den Norden auch erwarten?
Unser Programm ist natürlich modifiziert und minimalisiert - auf Bandoneon und Klarinette. Es ist eine ganz intime Kammermusik, die sehr persönlich erzählen will. Musik macht ja überhaupt nur Sinn, wenn sie etwas erzählt. Und was wir da erzählen, sind persönliche Erlebnisse - von der Geburt eines Kindes, vom Tod eines Freundes, von zwischenmenschlichen Begegnungen.
Und wo bleiben da die Tänzer und die Rose und all die anderen Klischees?
Das Klischeehafte aus dem Tango Argentino - das Tanzpaar oder das Spielen mit kleinem Tango-Orchester - das haben wir beide sehr intensiv und oft gemacht. Aber das wollten wir jetzt bewusst nicht. Der Untertitel des Programmes lautet ja "Para vos y para mi" - also: "Für dich und für mich", ein Hinweis auf die zentrale Tango-Thematik, die ja letztlich auch im Tanz als Zweier-Geschichte deutlich wird, ist in unserem Programm ganz konzentriert auf ein schlichtes "Du und Ich".
Zwischen all Ihren Projekten, bei denen Sie mit diversen Musikrichtungen experimentiert haben, ist der Tango so etwas wie der rote Faden. Woher rührt Ihre persönliche Faszination?
Es ist beim konzertanten Tango vor allem diese Freiheit des Tempos in einem bestimmten Raum, das Vor- und Zurückgehen, das schneller und langsamer werden. Es ist dieser unglaublich intensive Ausdruck, der auch den Pathos nicht scheut. Manchmal kann man aus unserer europäischen Perspektive auch etwas amüsiert verfolgen, wenn dieser Pathos überzeichnet wird. Aber dann ist es auch wieder wunderschön, sich fallen zu lassen. Also dieser Grenzgang reizt mich. Und damit ist natürlich auch die Emotion verbunden, die sich so ausdrücken lässt.
Um welche Emotionen und Gefühle geht es dabei? Romantik? Liebe?
Es kann auch aggressiv werden oder offensiv oder sehr laut. Gleichzeitig befindet man sich aber immer im Schutz der Geborgenheit und Vertrautheit. Die Bandbreite ist einfach unendlich groß. Es finden sich nahezu alle Emotionen in dieser Musik. Ist ja auch klar, weil letztlich Geschichten des Lebens erzählt werden.
Das Bandoneon, das ursprünglich aus Deutschland kommt, ist in Europa allgemein heute eher eine kleine Kuriosität. Weitestgehend wurde es durch das Akkordeon verdrängt. Wie kommt es, dass sich dieses Instrument im Tango dennoch gehalten hat?
Das Bandoneon ist schon etwas Besonderes. Der Klang ist ein anderer als beim Akkordeon. Er ist schärfer, er ist obertonreicher und er betont die Akzente und lauten Momente in der Tango-Musik stärker als das Akkordeon. Das Akkordeon ist da eher zurückhaltend.
Sie spielen jetzt schon seit 13 Jahren mit Jaurena, gab es für die Zusammenarbeit eine Art Konzept?
Die gemeinsame Idee war, den Tango durch Improvisation zu erweitern. Das ist im Tango sonst eher unüblich. Auch Astor Piazzolla hat nur wenig improvisiert - im tatsächlichen Sinne des Wortes.
Wie passt die Tango-Musik denn in die Kirchen im Norden? Warum haben Sie sich für diese Orte entschieden?
Da gibt es mehrere Gründe. Zunächst einmal finden die Lebensstationen, die wir in unserem Programm beschreiben - also vor allem Geburt, Liebe, Tod - in der Kirche statt. Auch ist in der Kirche der Platz, wo man am ehesten bereit ist, seine Seele oder sein Innerstes zu öffnen und in die Tiefe zu gehen. Dann darf man nicht vergessen, dass das Bandoneon ursprünglich auch erfunden wurde, um eine Kirchenorgel zu ersetzen. Eine Art "Kirchenorgel für Arme" sozusagen. Und schließlich die herausragende Akustik, die einem Duo mit Klarinette und Bandoneon einen ganz wundervollen Klang bietet. Karten für die Konzerte der Tango Tales Tour gibt es für 15 Euro (erm. 10 Euro) an der Abendkasse.
(til, shz)

Termine: 2. September, Petruskirche,Weimarer Straße 1, Kiel, 20 Uhr; 3. Sept., Musikhochschule Lübeck, Obertrave, Lübeck, 20 Uhr; 4. Sept., Kirche St. Michael, Haselgrund 1, Schwarzenbek, 19.30 Uhr; 7. Sept., Klosterkirche, Cismar, 20 Uhr; 9. Sept., St. Nikolaikirche, Südermarkt 16, Flensburg, 20 Uhr; 10. Sept., Kapelle Wittdün,Inselstr. 55, Wittdün/Amrum, 20.30 Uhr; 11. Sept., Stadtkirche St. Nicolai, Maybachstraße, Westerland, Sylt, 20.15 Uhr.

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