zur Navigation springen

Norddeutsche Realisten : Die unaufhörliche Suche nach dem magischen Moment

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Geheimnisse der Bilder Friedel Andersons müssen entschlüsselt werden.

shz.de von
erstellt am 28.Sep.2013 | 17:57 Uhr

Friedel Anderson ist kein Mann großer Worte. Er lässt seine Bilder sprechen. Und wie sie erzählen! „Kein Land in Sicht“ (2001, Öl auf Leinwand, 100 x 130 cm) ist so ein Werk in der Ausstellung „Realismus in Norddeutschland“. Es steckt voller Geheimnisse. Wasser, nur Wasser, das schließlich in den Horizont übergeht. Doch es gurgelt und lichtert von hellblau bis stahlgrau. Welche Magie das Bild ausstrahlt! Friedel Anderson hat es auf einem Symposium der „Norddeutschen Realisten“ auf der Gorch Fock gemalt, als das Segelschulschiff auf dem Weg von Cuxhaven nach Lissabon durch die Biscaya fuhr. „Dieser Morgen bleibt im Gedächtnis. Es war noch taufeucht, man ahnte den Sonnenaufgang. Ich stand am Achterdeck, schaute ins tiefblaue Wasser und wusste: dies ist der Moment“, erinnert sich Anderson. Die Zeit scheint still zu stehen auf dem Gemälde, die Wellenschläge wirken eingefroren. „Das kann man sich nicht ausdenken“, sagt der 1954 geborene Künstler, der in Itzehoe lebt und arbeitet.

Warten auf den magischen Moment – das ist wie „Warten auf Godot“ im gleichnamigen Theaterstück des irischen Schriftstellers Samuel Beckett. Keiner weiß, wer dieser Godot ist und ob es ihn überhaupt gibt. Friedel Anderson war in jüngeren Jahren ein großer Liebhaber der Beckett-Stücke. Als er 2007 in der Provence unterwegs war, fiel ihm ein, dass der Schriftsteller hier 1942 ganz in der Nähe im Dorf Rousillon untergetaucht war. Er hatte sich einer Widerstandsbewegung gegen die deutsche Besatzung angeschlossen. Die Zelle war verraten worden, und Beckett fand Unterschlupf beim Weinhändler Bonnelly.

So beginnt das Geheimnis eines anderen Anderson-Bildes der Gottorfer Ausstellung. Wieder war der Maler auf Streifzug, da entdeckte er im kleinen provenzalischen Ort Goult eine gewaltige Stadtmauer mit Torbogen. Der Itzehoer Künstler baute seine Staffelei auf und begann zu malen. „Es war schon recht heiß, ich kam ins Schwitzen“, erzählt er. Das habe wohl das Mitleid einer Passantin geweckt, die ihn nicht etwa nach dem Bild gefragt habe, sondern danach, ob er denn auch genügend zu trinken habe. „Ich ging zu meinem nahegelegenen Auto, machte den Kofferraum auf und zeigte auf die Rotwein-Flaschen, die ich tags zuvor bei einem Winzer gekauft hatte“, schmunzelt Anderson. Seitdem fühle sich wohl die Frau in dem Vorurteil bestätigt, dass alle Maler zum Malen Rotwein bräuchten.

Doch Anderson blieb an jenem heißen Vormittag in Goult nüchtern und stellte später fest, dass die große Mauer und das Stadttor irgendwie zu langweilig seien. So malte er ein fiktives Werbeschild für jenen unbekannten Winzer Bonnelly an die Wand: Wein gebe es im „Cave Bonelly“ zu kosten und zu kaufen. Die Reklamefläche ist stark verwittert, aber sie zieht den Betrachter des Gemäldes ebenso in den Bann wie der blaue Renault, der vor der großen Steinmauer unter der verblassenden Werbung abgestellt ist. „Auch das Auto stand dort nicht“, verrät Anderson. Aber Realist zu sein, bedeute schließlich nicht, nur sklavisch das „abzumalen“, was man sieht. „Ich lasse mit einfließen, was mich gerade bewegt“, sagt der Künstler. Das sei keineswegs „Schummelei“, denn die Gewissenhaftigkeit der Malerei bleibe – auch wenn er erst einige Tage später das Haus des Winzers Bonnelly in Rousillon entdeckt habe, in dem Samuel Beckett 1942 untergetaucht sei.

Der Betrachter muss in Andersons Werken „lesen“. Es steht so viel zwischen dem Spiel aus Licht und Farben. Und es lässt sich immer wieder etwas Neues entdecken. Zum Beispiel in dem 2009 entstandenen Werk vom Dresdener „Neustädter Markt“ (Öl auf Leinwand, 90 x 120 cm). Einer der großen, eisernen Fahnenmasten wirft einen langen Schatten quer über das Bild. Ein Laternenpfahl ganz in der Nähe bleibt dagegen schattenlos. Ein Junge, erzählt Anderson, entdeckte den Widerspruch und sprach den Künstler vorsichtig mit dem Satz an, ob er ihn einmal etwas fragen dürfe. Klar, sagte der Maler und war über den Hinweis vom fehlenden Schatten erstaunt. Der Junge habe genau beobachtet. Aber korrigiert werde nicht mehr. Fehlender Schatten bleibe fehlender Schatten. Auch das sei Realismus.

„Irgendwie sind es letztlich doch nur Pinselstriche“, sagt Anderson, „und manchmal ist Malerei wie Taschenspielerei.“ Dann schaut er auf den Fotografen, der den Spaziergang durch die Ausstellung begleitet hat. Er zeigt auf die digitale Kamera und sagt verschmitzt: „Wir waren vor Photoshop da. Ihr könnt Bilder mit technischen Mitteln verändern. In der Malerei ging das schon viel früher.“ Doch wer ist der Wahrheit näher? Das digital verfremdete Foto oder das Werk des Künstlers? Der Blick fällt wieder auf Andersons Wand-Inschrift auf der Steinmauer des Dorfes Goult. Grüße an Beckett. Godot oder: Der magische Moment war da.
 

Die Ausstellung „Realismus in Norddeutschland“ auf Schloss Gottorf ist noch bis zum 20. Oktober zu sehen.
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen