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„Geist der Neuzeit“ : Die Suche nach dem verlorenen Text

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Ein Kieler Wissenschaftler findet das verloren geglaubte Manuskript „Geist der Neuzeit“ von Ferdinand Tönnies.

Kiel | Die Geschichte liest sich wie ein Krimi. Wenn Uwe Carstens, wissenschaftlicher Referent der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft, nicht so hartnäckig gewesen wäre, wüsste bis heute niemand davon. So aber fand ein bis dahin als „unvollendet“ und verschollen geltendes Spätwerk von Tönnies, „Geist der Neuzeit“, den Weg zurück auf die Weltbühne – nach einer beispiellosen Odyssee, die von den USA über Russland bis nach Berlin führte.

Carstens scheint es selbst noch nicht fassen zu können und zieht – wie zur Bestätigung – Aktenordner auf Aktenordner aus den Regalen seines winzigen Büros in der Kieler Freiligrathstraße. Das wäre aber gar nicht nötig, denn wer sich solche Geschichten einfallen lassen kann, der wäre nicht wissenschaftlicher Referent einer soziologischen Gesellschaft, sondern Bestseller-Autor.

Doch der Reihe nach. Carstens’ Suche beginnt in der Zeit des Nationalsozialismus. Als erklärter Gegner des Regimes hatte der 1855 in Oldenswort (Kreis Nordfriesland) geborene Begründer der Soziologie von 1933 an praktisch Lehr- und Schreibverbot. Dass der erste Teil von „Geist der Neuzeit“ 1935 dennoch erschien, verdankte Tönnies seinem mutigen Verleger.

63 Jahre später kam Lars Claußen in der Tönnies-Gesamtausgabe zu dem Ergebnis, dass der Rest des Manuskripts als verloren gelten muss. „Ich wusste allerdings von einer Postkarte, die belegt, dass Tönnies’ Assistent Ernst Jurkat den ersten Teil des Buches verwahrt hat“, sagt Carstens. Und deshalb hoffte er, dort auch den zweiten Teil zu finden.

Jurkats Frau, die er 1932 in Berlin geheiratet hatte, war Jüdin. Damit ist an eine wissenschaftliche Laufbahn in Deutschland nicht zu denken, zumal er sich beharrlich weigert, die Ehe wieder annulieren zu lassen. Vielmehr schließt er sich dem Widerstand an, wird Mitglied der Deutschen Volksfront und von der Gestapo observiert. „Jurkat weiß das und hat immer alles bei sich“, sagt Carstens. „Und eines Tages kam der befürchtete Anruf tatsächlich: ,Hau’ ab‘, rät ihm ein Genosse, ‚die wollen Dich verhaften‘“. Jurkat flieht über die Schweiz und Paris nach Marseille. Doch auch dort ist er nicht sicher. Das Dritte Reich breitet sich immer weiter aus. Jurkat will nach Amerika auswandern. Die Tönnies-Familie verbürgt sich für ihn. Der Sprung über den Großen Teich gelingt allerdings erst 1941. Da sind viele seiner Mitstreiter bereits verhaftet.

Carstens’ Recherchen, seine Besuche in diversen Archiven – all das wird belohnt. Über den Sohn Jurkats findet er heraus, dass dieser einen Teil seiner Unterlagen ans politische Zentrum der Deutschen Volksfront geschickt haben könnte. Das saß seinerzeit in der Sowjetunion. 2005 schreibt er im Rahmen seiner Recherchen für die Tönnies-Biografie an das Sonderarchiv für Emigranten in Moskau und fragt nach Jurkats Nachlass. Die Antwort kann Carstens erst gar nicht lesen. „Weil sie in Kyrillisch verfasst war“, sagt er schmunzelnd. Aber: Es handelt sich tatsächlich um Jurkats Unterlagen. Der „Geist der Neuzeit“ ist allerdings nicht darunter. Als er drei Jahre später noch einmal nachhakt, erfährt Carstens, dass ein Teil des Nachlasses an die DDR weitergereicht worden und von dort – nach der Wende – im Berliner Bundesarchiv gelandet war. Carstens bleibt dran und erfährt, dass unter diesen Unterlagen auch „Geist der Neuzeit“ ist. Allerdings geht er weiter davon aus, dass es sich um den ersten Teil handelt. Erst als er das Bundesarchiv um eine Kopie aus der Mitte des Manuskripts bittet, ist die Sensation perfekt: Er hat die vollständige Fassung eines Buches gefunden, das mehr als 60 Jahre als verschollen galt.

In „Geist der Neuzeit“ belegt Tönnies sein Hauptwerk ,Gemeinschaft und Gesellschaft‘ mit Beispielen aus der Geschichte. „Deshalb ist das Buch für uns auch so wichtig“, sagt Carstens. Wie wichtig, das zeigt ein Zitat am Ende von „GdN“: „Wir gehen in eine dunkle Zeit“, schreibt Tönnies da. Und: „Nationalismus führt immer zum Krieg.“ Aber auch Krieg und Faschismus haben den Geist der Neuzeit letztlich nicht aufhalten können.

Das Manuskript mit seinen zahlreichen handschriftlichen Korrekturen von Tönnies wird derzeit transkribiert und soll danach im Rahmen der Tönnies-Gesamtausgabe veröffentlicht werden.

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erstellt am 02.Jan.2014 | 08:16 Uhr

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