Bucerius Kunst Forum : Die Natur als Bedrohung

Das Gemälde 'Mündung der Maas' zählt zu den Höhepunkten der Hamburger Turner-Ausstellung.  Foto: dpa
Das Gemälde "Mündung der Maas" zählt zu den Höhepunkten der Hamburger Turner-Ausstellung. Foto: dpa

Das Bucerius Kunst Forum präsentiert fast 100 Arbeiten von William Turner (1775-1851), die ihn als Maler der Elemente zeigen.

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04. Juni 2011, 11:21 Uhr

hamburg | "Alles ist ohne Form und leer", kritisierte William Hazlitt 1816 die Bilder von William Turner. Der Kunst kritiker stand mit seinem Urteil an der Malerei des durchaus populären und erfolgreichen Künstlers nicht allein. Der eigenwillige Turner, der nicht wenigen Zeitgenossen kauzig und abweisend begegnet sein soll, hatte sich in seiner Malerei bis in die Abstraktion vorgewagt. Er zeigt nichts anderes als das "Nichts oder das Chaos", so die Wahrnehmung der Experten der Turner-Zeit. Ein Blick, auf den Inés Richter-Musso in ihrem Essay "William Turner als Maler der Elemente" hinweist.
Die Kunsthistorikerin hat gemeinsam mit der Leiterin des Hamburger Bucerius Kunst Forums, Ortrud Westheider, für das Forum die Ausstellung "William Turner. Maler der Elemente" kuratiert. Eine bei aller Vorsicht durchaus spektakulär zu nennende Schau, ist es dem Kunst Forum doch gelungen, in (jahrelanger) Zusammenarbeit mit der Londoner Tate von dort und anderen Museen 95 Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafik von Turner auszuleihen. Arbeiten, mit denen die malerische Entwicklung des bedeutenden englischen Künstlers, sein Avantgardismus und Einfluss auf die späteren Impressionisten eindrucksvoll dokumentiert wird.
Weltsicht Turners
Der Titel der wie immer im Kunst Forum gut inszenierten Ausstellung - die Räume sind in einem warmen Blau gestrichen, das Licht gedämpft, die einzelnen oft sehr kleinen Werke geschickt ausgeleuchtet, die Beschriftung klar, knapp und informativ - verweist auf die Weltsicht Turners, seine Annahme von vier Elementen, die die Erde beherrschen: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Die Vier-Elementen-Lehre als Ordnungsschema hat antiken Ursprung. Die Wissenschaft zur Zeit Turners hatte ein anderes, differenzierteres Bild von den Grundstoffen der Welt. Für den durchaus wissenschaftlich interessierten Künstler waren dennoch die vier Elemente das Deutungsmodell, um die Erscheinungsweisen der Natur sichtbar und sinnlich begreifbar machen zu können. Als Maler reizte ihn die Ver- und Entmischung der Elemente, fand er so zu seinem experimentellen Umgang mit Farben und Formen, wurde er zum "Maler des Lichts" - und zum Chronisten der elementaren Naturgewalten. Schiffsuntergänge, schwere Unwetter und verwüstende Feuer sind häufig Themen seiner Bilder, auf denen der Mensch bedrängt und vom Tode bedroht ist, die Natur in ihrer Erhabenheit und Macht das Geschehen bestimmt.
Turner gelingen Aquarelle und Gemälde, deren wirbelnde Farben, auflösende Formen und extreme Nahsicht den Betrachter die Orientierung verlieren lassen und ihn gleichzeitig zu bannen und in das Geschehen hineinzuziehen vermögen. Selbst den heutigen Betrachter erstaunt der hohe Grad der Abstraktion auf manchen Blättern von Turner, der als Professor für Perspektive an der Royal Academy seinen Schülern Abbildungstreue vermittelte.
Widersprüchlich oder doch schwer erklärbar erschien Turner nicht nur seinen Kritikern. Auch seine Verehrer, von denen es viele gab, sahen sich immer wieder schroff behandelt oder zeigten sich nach ihrer Begegnung mit dem Meister irritiert. So wird eine Geschichte überliefert, die von dem Besuch zweier Kunstlieb haber im Hause Turner berichtet. Solche Besuche waren höchst selten, denn der Künstler ließ nicht zu, dass man ihn bei der Arbeit beobachtete. Die beiden Herren wollten sich dennoch gern ein paar neue Gemälde zeigen lassen. Nachdem Turner sie von einer Hausangestellten in einen dunklen Raum führen ließ, mussten sie dort fast zwei Stunden ausharren bis Turner sie vorließ. Auf die Frage, warum sie so lange im Dunklen sitzen musste, soll der Mürrische geantwortet haben, damit ihre Augen gut auf seine Malerei vorbereitet seien. Vielleicht keine schlechte Übung, um sich auch heute auf die Bilder Turners vorzubereiten. Denn zu sehen gibt es in Hamburg einiges, was man nicht erwartet, wenn man an Turner denkt.

William Turner im Bucerius Kunst Forum bis 11. September 2011


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