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Schauspiel als Lebensrettung : Die Flensburgerin Renate Delfs

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Der Fernsehzuschauer kennt sie als Oma par excellence und als norddeutsches Original. Einmal Flensburg, immer Flensburg, so hat es Renate Delfs gehalten. Zur Bühne kam sie dagegen spät - erst war die Tourist-Information dran.

shz.de von
erstellt am 06.Aug.2014 | 06:44 Uhr

Flensburg | „Ich habe es nicht weit gebracht“, schmunzelt Renate Delfs - was natürlich überhaupt nicht stimmt. Schließlich ist sie seit Jahrzehnten im deutschen Fernsehen präsent, von „Jauche und Levkojen“ über „Nicht von schlechten Eltern“, „Adelheid und ihre Mörder“, „Großstadtrevier“ und „Der Landarzt“ bis zur jüngsten Donna-Leon-Verfilmung und der Komödie „Ein Tick anders“ - um nur einige zu nennen. Und doch hat Delfs recht, wenn sie behauptet, nicht weit gekommen zu sein, schließlich lebt die 89-Jährige heute nur zehn Minuten von dem Haus in Flensburg entfernt, in dem sie 1925 geboren wurde. Nie hat sie an einem anderem Ort gelebt als in der Stadt im Norden.

Zwölf Jahre war sie Leiterin der örtlichen Tourist-Information. „Das war sehr schön, da entdeckte ich eigentlich erst meine Zugehörigkeit zu dieser Stadt.“ Heute wohnt sie unweit der Förde und genießt das allmorgendliche Bad in der Ostsee. „Heimat bedeutet viel für mich“, sagt sie. Auch wenn sie als junge Frau sich vorstellen konnte, in die große Welt zu ziehen: „Ich habe schon mit den Ketten gerasselt als junger Mensch.“  Aber die Nachkriegszeit fragte nicht nach den Träumen der Jugend.

Renate Delfs bekam für Hamburg keine Zuzugsgenehmigung, daheim in Flensburg dagegen war das Elternhaus unzerstört geblieben. „Ich habe Buchhandel gelernt, später geheiratet, dann wollte ich nicht mehr weg.“ Dabei wollte sie schon früh Schauspielerin werden. „Aber ich durfte nicht.“ Erst, als Delfs jung zur Witwe wurde und mit drei Kindern allein dastand, fand sie doch noch den Weg zur Bühne. „Ich wollte auch was für mich.“ Also ging sie zur Niederdeutschen Bühne in ihrer Heimatstadt. „Meine Mutter sagte, das musst Du mir versprechen, es bleibt bei diesem einen Mal.“  Der fromme Wunsch blieb unerfüllt, stattdessen zog es Delfs dann von den relativ beschaulichen Auftritten in Flensburg Ende der 1970er Jahre zum Fernsehen. „Die Fischer von Moorhövd“, so hieß einer ihrer ersten Fernsehfilme, an ihrer Seite Manfred Krug und Heinz Reincke.

Delfs fand sich bereits einer Rolle wieder, die sie noch manches Mal spielen sollte - die Oma. Später „bewarb ich mich bei einer Agentur“, erinnert sich Delfs. „Ich musste denen ein Demoband schicken, und die sagten, die nehmen wir, so 'ne Alte haben wir noch nicht.“  Gern erinnert sich sie sich an eine Komödie von 2011 um das Tourette-Syndrom, „Ein Tick anders“ oder an ihre Rolle in der Donna-Leon-Verfilmung „Reiches Erbe“, als sie die Ehefrau des Mörders spielte. Zu viel Oma muss nämlich auch nicht sein. Rollen, in denen sie zu sehr verwirrt und dement erscheinen müsste, lehnt sie ab.

Insgesamt sei die Entscheidung für die Bühne „eine Lebensrettung“ für sie gewesen, resümiert Delfs. Auch ihre damals noch kleinen Kinder hätten den Schritt „prima“ gefunden: „Bei den Premieren gab es das Probengeld in bar. Da haben die Kinder jeweils zehn Prozent abbekommen.“  Auch Buchautorin ist Delfs. Geschrieben hat sie über die Flensburger Sprache Petuh, deren Wurzeln im häufigen Nationalitätenwechsel im deutsch-dänischen Grenzland liegen. „Meine Großmutter hat vier Mal im Lauf ihres Lebens die Nationalität gewechselt. Zuhause sprach man plattdeutsch, deutsch, dänisch...“ Großmutters Zeit war auch die Hoch-Zeit des Petuh, das seinen Namen von den Petuhtanten bekam, nicht mehr ganz taufrischen, oft verwitweten Damen auf Butterfahrt im Grenzgebiet mit Partout-, also Dauerkarte, „die nicht mehr viel im Haushalt machen mussten“, erklärt Delfs schmunzelnd. Die erste intensive Begegnung mit Petuh hatte Delfs im Zweiten Weltkrieg: Als sie Kriegsdienst in einer Gießerei leisten musste, „da sprach die Vorarbeiterin klassisches Petuh“. Die 1990 gestorbene Flensburger Schauspielerin Gerty Molzen hatte bereits über Petuh geschrieben, und schließlich erzählte auch Delfs im NDR darüber. „Dann sagte ein Verleger, ich sollte doch ein Buch schreiben.“ Gesagt, getan, und noch heute ist der Band inzwischen in der achten Auflage in Buchhandlungen erhältlich.

Das Petuh kann im Alltag recht missverständlich sein, wie Delfs zu veranschaulichen weiß: „Mamsell, komm' nieder und bring die Kinder um, zieh sie ab und leg sie ein“ - diese Aufforderung würde manche Mamsell wohl in tiefe Verwirrung stoßen. Dabei ist es doch so einfach: Die Mamsell soll einfach herunterkommen, die Kinder nach Hause bringen, sie ausziehen und ins Bett bringen. Die Verwechslungsgefahren des Petuh erlebte Delfs am eigenen Leib in einer Talkshow mit Gastgeber Giovanni di Lorenzo. „Was haben Sie gegen Sex?“, lautete die knallharte Frage an die Flensburgerin. „Ich habe Blut und Wasser geschwitzt“, erinnert sich Delfs, der nicht bewusst war, sich derart in der Öffentlichkeit geäußert zu haben. Es war dann auch ein Missverständnis: Von „Fiechelie“ hatte Delfs gesprochen. Fiecheln bedeutet ganz harmlos streicheln oder liebhaben. Das war bei der Talkshowredaktion wohl anders angekommen.

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