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Jüdisches Museum in Rendsburg : „Die Exodus-Affäre“ – Eine packende historische Ausstellung

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4500 Holocaust-Überlebende wollten 1947 mit dem Schiff nach Palästina – und wurden von den Briten zwangsweise nach Lübeck gebracht.

shz.de von
erstellt am 07.Sep.2017 | 10:46 Uhr

Rendsburg | Die Schwarzweißfotos sind bedrückend: An Bord der schrottreifen „Exodus“ liegen Leib an Leib die Menschen im „Schlafsaal“. 4500 europäische Juden, die den Holocaust überlebt hatten, wollten im Jahr 1947 mit dem einst für 500 Menschen gedachten früheren Vergnügungsdampfer nach Palästina - was die Engländer als Mandatsträger für Palästina verhindern wollten. Im Rumpf des Schiffes, so zeigt ein anderes Foto, klaffen Löcher. „Zwei britische Zerstörer waren damals in die ,Exodus‘ gefahren“, erzählt der Kurator des Jüdischen Museums in Rendsburg (Schleswig-Holstein), Carsten Fleischhauer. Beim Entern des Schiffes durch britische Soldaten gab es vier Tote und bis zu 200 Verletzte.

Unter dem Titel „Die Exodus-Affäre - Schleswig-Holstein und die Gründung Israels“ hat das Museum eine Sonderausstellung über dieses im Detail wenig bekannte „Stück Weltgeschichte“ gestaltet. „Es muss für Holocaust-Überlebende ein Grauen gewesen sein, dass die Briten sie ausgerechnet ins Land der Täter zwangsweise zurückschickten und wochenlang hinter Stacheldraht internierten“, sagt der Historiker Prof. Gerhard Paul von der Europa-Universität in Flensburg.

Zeitgenössische Fotos sind in der Sonderausstellung zu sehen.
Zeitgenössische Fotos sind in der Sonderausstellung zu sehen. Foto: dpa
 

Die historischen Eckdaten: Nach dem Zweiten Weltkrieg wollen überlebende Juden aus Europa nach Palästina, um dort den Traum vom Staat Israel zu verwirklichen. In Polen oder der Sowjetunion leiden Juden nach dem Krieg unter Pogromen. Und sie fliehen, wie Paul skizziert, mit Hilfe von jüdischen Organisationen über Deutschland nach Frankreich. Von Sète legt die „Exodus“ am 11. Juli 1947 ab, auf See wird die Flagge mit dem Davidstern - die spätere Flagge Israels - gehisst. Britische Marineeinheiten entern - nach heftigem Widerstand ohne Waffengewalt - am 18. Juli das Schiff, bringen es am 20. Juli nach Haifa und schicken bereits am Tag darauf die 4500 Juden mit drei Schiffen nach Frankreich zurück.

Frankreich erlaubt den Menschen, im Land zu bleiben, doch sie bleiben an Bord - ihr Ziel bleibt Palästina. Die Engländer leiten die Schiffe um nach Hamburg, wo sie am 8. September ankommen. Unter Beobachtung der internationalen Presse werden die Juden mit vergitterten Zügen gegen ihren Willen von Hamburg nach Lübeck gebracht - in die beiden Lager Pöppendorf und Am Stau. Die „New York Times“ und das US-Magazin „Life“ berichten mit bewegenden Texten und Fotos über die Zustände.

Britische Medien haben eine andere Sicht der Dinge, wie die Ausstellung dokumentiert. Am 6. Oktober 1947 werden die Wachen abgezogen und die Wachtürme abgebaut, und am 5. November verlassen die letzten „Exodus“-Passagiere Lübeck. Mit gefälschten Papieren gelangen viele erneut nach Marseille und von dort weiter nach Palästina.

„Die ,Exodus-Affäre‘ hatte wegen der internationalen Proteste und Medienberichte Einfluss auf die Weltpolitik und die Gründung des Staates Israel“, resümiert Fleischhauer . Am 27. November 1947 beschließen die Vereinten Nationen die Teilung des britischen Mandatsgebietes Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat.

Für Paul ist die unterschiedliche mediale Darstellung der „Exodus-Affäre“ in den USA und England ein wichtiger Faktor. Der 1958 erschienene Roman-Bestseller „Exodus“ des amerikanisch-jüdischen Autors Leon Uris habe das Geschehen einseitig geschildert. Und die Verfilmung von Otto Preminger aus dem Jahre 1960 stilisiere den Kapitän, verkörpert von Paul Newman, zum strahlenden Helden, der das Schicksal selber in die Hand nehme.

In der Ausstellung, die vom 8. September - dem 70. Jahrestag der Ankunft der Flüchtlinge in Lübeck - bis zum 3. Juni 2018 geöffnet ist, können die Besucher nach dem Rundgang eine Zeitungsseite mit unterschiedlichen Überschriften und Fototexten selbst gestalten.

Neben 106 Fotos aus internationalen Quellen und Zeitzeugenberichten, die per Kopfhörer anzuhören sind, kann der Besucher auch 15 Minuten aus Premingers Film anschauen.

Die Lübecker Bevölkerung hatte die „Exodus-Affäre“ 1947 wenig beachtet. Aus den deutschen Ostgebieten kamen nach dem Krieg rund eine Million Menschen nach Schleswig-Holstein. „Die Menschen hatten ihre eigenen existenziellen Probleme“, sagt Fleischhauer.

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