Interview mit "Tatort"-Schauspieler : Devid Striesow ist "Kommissar Sonderbar"

Einem breiten Publikum wird Devid Striesow ab 2005 als Assistent in der ZDF-Krimireihe 'Bella Block' bekannt.
Einem breiten Publikum wird Devid Striesow ab 2005 als Assistent in der ZDF-Krimireihe "Bella Block" bekannt.

Devid Striesow ist nicht nur einer der erfolgreichsten deutschen Schauspieler, sondern auch ein in jeder Hinsicht außergewöhnlicher. Zu Dreharbeiten reist der "Tatort"-Kommissar stets mit seinem Hund "Buddy" an.

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09. April 2013, 08:08 Uhr

Herr Striesow, wie kommt das "e" in Ihren Vornamen? Warum heißen Sie Devid und nicht David?
Meine Eltern haben sich da wohl schwer vertan. Sie wollten, dass man den Namen nicht David, sondern Devid ausspricht und haben ihn deshalb auch so geschrieben. Aber das hat nie funktioniert.

Sie sind in der DDR aufgewachsen - welche Rolle spielte das Westfernsehen bei Ihnen?
Aufgewachsen bin ich eigentlich mit DDR 1 in schwarz-weiß, bei uns funktionierte nicht mal DDR 2. Irgendwann schaffte das Haus eine Gemeinschaftsantenne an, und fortan hatten wir Westfernsehen. Das war so etwas wie das Fenster zur Welt. Plötzlich konnten wir die Nachrichtensendungen und das "Auslandsjournal" sehen, da wurden dann die Meldungen relativiert, die uns sonst vorgesetzt wurden. Es war ja jedem klar, dass in der Zeitung nur Gedöns steht.

Haben Sie damals auch "Tatort" geguckt?
(lacht) Bis vor Kurzem habe ich überhaupt nicht "Tatort" geguckt. Ich habe einfach keinen Bezug zum Fernsehen und gucke total selten.

Dafür sind Sie aber ganz schön oft im Fernsehen zu sehen.
Ja, das gucke ich mir auch an, da habe ich keine falsche Scheu. Aber wir gehören nicht zu den Familien, in denen das Abendbrot nach dem Fernsehprogramm getimt wird.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Schauspieler zu werden?
Ich habe Musik studiert, in einer Band gespielt und viel Straßenmusik gemacht: Folkpunk, also Pogues-mäßig. Ich habe gesungen, Geige, Gitarre und Mandoline gespielt. Doch dann musste ich mich umentscheiden, weil die Hochschule mir den Lehrer nicht mehr zahlen konnte. Deshalb habe ich geguckt, was es sonst noch so mit Bühne gibt. Außerdem wollte ich raus aus Rostock und nach Berlin, also habe ich mich da an der Schauspielschule beworben und wurde auch sofort genommen.

Es heißt, Sie brächten gelegentlich Ihren Hund Buddy mit zum Dreh.
Nicht gelegentlich, der ist immer dabei. Nur zu Interviews nehme ich ihn nicht mit, weil es Kollegen von Ihnen gibt, die vor lauter Schiss fast die Säule hochgelaufen wären. Ich erinnere mich an eine Sprachaufnahme beim SWR in Baden-Baden, da hatte ich Buddy auch dabei, er war damals sogar noch ein Welpe. Ich lasse den Hund immer ohne Leine laufen, weil man ihn so besser erziehen kann - also lief Buddy vor und rein in eines der Tonstudios. Plötzlich kam mir die Tonassistentin schreiend entgegen - die hatte furchtbare Angst, weil sie mal gebissen worden ist. Auf so etwas muss ich natürlich Rücksicht nehmen.

Was für ’ne Sorte Hund ist Buddy denn?
Old English Bulldog. Vom Körper her ein bisschen Staffordshire und ein bisschen höher als eine normale Bulldogge. Absolut familienkompatibel, einfach wunderbar.

Muss Buddy den ganzen Tag irgendwo rumsitzen, wenn Sie drehen?
Nö, der ist am Set, immer in meiner Nähe.

Haben Sie ihn auch schon mal in einem Film untergebracht?
Ja, in "Riskante Patienten", der letzten Herbst in der ARD lief. Da hat Buddy einen Kampfhund gespielt. Man hatte ein paar Hunde organisiert - Dogo Argentino und Rottweiler. Die sollten einen Abhang hinunter springen, machten das aber nicht, vermutlich wegen ihrer schweren Knochen. Ich habe dann bei der Motivbesichtigung einen Ball da runter geworfen und Buddy ist sofort hinterher. Daraufhin sagte der Regisseur: Den will ich morgen haben. Und Buddy hat am nächsten Tag zum ersten Mal sein Futter selbst verdient.

Hat er schon Anschlussangebote?
Nein, es gibt nicht so viele Möglichkeiten mit dem Gesicht (lacht).

Gewagter Themenwechsel: Sie haben Ihre Frau in Kamerun kennengelernt - was hat Sie denn dahin verschlagen?
Private Reisen, ich war schon lange mit dem Bruder meiner Frau befreundet, der schon ewig in Berlin wohnt. Es war mein erster Kamerun-Urlaub.

Ein aufregender dazu - Sie haben in Kamerun davon erfahren, dass Ihr Film "Die Fälscher" den Oscar gewonnen hat.
Nicht in Kamerun, sondern in einem Taxi zum Flughafen bekam ich eine SMS, dass wir den Oscar gewonnen haben. Es war der Wahnsinn: Wir hatten am Abend vorher die Premiere von "Onkel Wanja" im Pumpenhaus in Münster gespielt, nach der Vorstellung bin ich ins Auto gesprungen, rasend schnell nach Berlin gefahren, in die Wohnung gehetzt und habe meine Sachen zusammengerafft, weil der Flieger über Paris nach Kamerun morgens um fünf rausging. Und als ich dann hechelnd im Taxi saß, kam diese SMS. Ich sagte zu dem türkischen Taxifahrer: Du, wir haben gerade den Oscar gekriegt. Und er nur: "Wer ist Oscar?" Das war krass.

Sie sind also quasi mit einem SMS-Oscar nach Kamerun geflogen.
Und als ich ausgestiegen bin, war Bürgerkrieg und wir eine Woche lang ans Hotel gefesselt. Dabei ist das politische Klima dort sonst eigentlich eher gemäßigt.

Wie lange lebt Ihre Frau jetzt in Deutschland?
Dreieinhalb Jahre.

Und gibt’s etwas, worüber sie regelmäßig den Kopf schüttelt?
Das Klima natürlich. Die Tatsache, dass sich der Alltag am Wetter orientiert. Bei einem meiner letzten Drehs bin ich mit dem Auto den Weg zu meiner Gastwohnung nicht mehr hochgekommen, weil so hoch Schnee lag. Wir haben richtig kämpfen müssen, bis wir den Wagen da rausgezogen hatten - und meine Frau guckte aus dem Fenster, schüttelte mit dem Kopf und dachte wohl: Was ist das denn für eine Situation?

Wie verrückt findet Ihre Frau denn deutsche Fernsehkommissare?
Das ist gar nicht so das Thema. Als wir den ersten Saarbrücker "Tatort" gedreht haben, waren wir zusammen mit den Kindern in einer Gastwohnung untergebracht. In der gab es einen Fernseher, der aber nicht funktionierte. Das hat meiner Frau so gut gefallen, dass sie nach unserer Rückkehr sagte: Der Fernseher bleibt aus, den Kindern wird erzählt, der ist kaputt. Kleine Kinder glauben einem das ja noch (lacht). Insofern kennt meine Frau nicht viele Fernsehkommissare - sie hat nur einige von denen privat kennengelernt bei Veranstaltungen wie der "Goldenen Kamera".

Es gab beim "Tatort" selten ein Debüt, das die Fangemeinde so gespalten hat wie Ihres.
(lacht) Ich würde mal sagen: 20 Prozent Zustimmung und 80 Prozent Ablehnung. Es hat krass polarisiert, da gab es eine ganz klare Zuordnung und nichts dazwischen.

Hatten Sie damit gerechnet?
Schon damit, dass der "Tatort" polarisiert - aber nicht damit, dass so viele Leute entsetzt waren.

Für einen "Tatort"-Kommissar ist es ja immer ein Ritt auf der Rasierklinge, wenn die Quote nicht stimmt. Fürchten Sie, dass bei Ihrem zweiten Auftritt deutlich weniger Menschen einschalten?
Nö, ich glaube, dass wir mit der neuen Folge auf einem guten Weg sind und die Leute meine Figur auch annehmen werden und die Fangemeinde wächst. Irgendwie ist das Entsetzen ja auch eine Art Reklame für den Stellbrink. Ablehnung ist doch auch eine Art von Faszination - ich würde jedenfalls wieder einschalten.

Was versprechen Sie denn den 20 Prozent, die von Ihnen begeistert waren?
Dass ich nicht nachgeben werde, dass ich den Stellbrink nicht blasser zeichnen und nichts wegnehmen werde, von dem was er transportiert hat. Ich mache nicht weniger, da würde ich eher das Format nicht mehr machen.

Haben Sie die Figur eigentlich so vorgesetzt bekommen oder haben Sie auch modellieren dürfen?
Na klar. Ich dachte: Wenn ich schon nicht privat Motorrad fahre, weil ich zu viel Schiss habe, dann fände ich es toll, wenn Stellbrink eine Vespa fährt. Die fahre ich auch komplett selbst, da gibt es keine Stunts. Auch die Klamotten müssen alles andere als konventionell sein, alles muss Möglichkeiten der Entwicklung haben. Dem Stellbrink kann man eine Jeans genauso gut anziehen wie einen Anzug.

Sie haben offenbar Spaß am Tabubruch und dem "Kommissar Sonderbar".
Total. Neun Millionen Zuschauer und jeder kann seine eigenen Schubladen aufziehen, ist doch prima. Konventionen finde ich ganz furchtbar und langweilig, deshalb habe ich mir im Vorfeld auch nicht viele "Tatorte" angeguckt und mich auch an niemandem orientiert.

Dem Stellbrink haben Sie auch die Facette Yoga verpasst - warum?
Ich fand es reizvoll, nicht nur, aber auch über Konzentration und Intuition die Fälle zu lösen. Es ist ja nicht unwichtig, die Dinge auch mal von einer anderen Warte aus zu betrachten. Und mir ermöglicht es, die Rolle mit einem größeren Spektrum auszustatten.

Wie sind Sie privat zum Yoga gekommen?
Ich bin jetzt fast 40 und will nicht steif werden. Deshalb mache ich jeden Morgen eine halbe Stunde Yoga, dazu kommen über den Tag verteilt noch ein paar Atemübungen. Wenn meine Frau die Schulbrote schmiert, nutze ich die Zeit für ein paar Übungen, um weich zu werden. Und dann bringe ich die Kinder zur Schule. Yoga macht so einiges offener und freier, ich empfinde es als ausgesprochen wohltuend.

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