"Stylectrical" : Design, das Emotionen freisetzt

Das Apple-Gesicht schlechthin: Steve Jobs präsentiert das iPhone. Foto: dapd
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Das Apple-Gesicht schlechthin: Steve Jobs präsentiert das iPhone. Foto: dapd

Die Ausstellung "Stylectrical" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe spürt dem Erfolg der Marke Apple nach - mit kritischen Untertönen.

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26. August 2011, 08:51 Uhr

Hamburg | Der Zeitpunkt passt perfekt. Einen Tag nach dem Rücktritt von Apple-Mastermind Steve Jobs beginnt heute in Hamburg die Designausstellung "Stylectrical - Von Elektro design, das Geschichte schreibt" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MKG). Die Schau ist weltweit die erste, die in diesem Umfang nach den designhistorischen Wurzeln der vielfach prämierten Produkte fragt.
Eine Apple-Ausstellung mehr also? Hatte doch das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst noch im Frühjahr dieses Jahres "Macht, Mythos und Magie" der Marke Apple in der Schau "Der i-Kosmos" auf den Prüfstand gestellt - und war damit bei Kritik und Publikum ziemlich auf die Nase gefallen. Allzu trocken und steril kamen die in Vitrinen verbannten Must-Haves der Computer-Avantgarde daher. "Popkultur hinter Glas geht nicht", mäkelte damals die Süddeutsche Zeitung. Auf derartige Musealisierungen verzichtet man klugerweise in Hamburg. Die meisten Ausstellungsstücke stehen ganz einfach auf Podesten - etliche dürfen sogar berührt werden. Der junge Hamburger Designer René Hellmann hat zudem in Anlehnung an die Oberfläche einer Computerplatine ein innovatives Wegeleitsystem entworfen, das, je nach Besucher interesse, verschiedene Annäherungen ermöglicht. "Wir wollten keine auratischen Exponate in Vitrinen ausstellen, sondern die Gebrauchsgegenstände so zeigen, wie sie auch im Alltag benutzt werden", so Ina Grätz, die neue Design-Kuratorin am MKG. Die multimediale Schau versucht die Besucher zu aktivieren, indem sie Verbindungen aufzeigt und Ausblicke wagt. Die Entwürfe des 1967 geborenen Briten Jonathan Ive, der seit 1997 Chefdesigner von Apple ist, bilden das Rückgrat der Ausstellung.
Ive emotionalisierte das Styling der Marke
Ive war es, der das Styling der Marke emotionalisierte. Von ihm stammen die abgerundeten Kanten. Aber auch die bonbonbunten iMacs der Neunziger Jahre mit ihren transparenten Gehäusen, die den allgegenwärtigen beigefarbenen No-Name-Computern zumindest ästhetisch Paroli boten. Und er steht auch hinter dem cool-minimalistischen Alu-Look heutiger Apple-Produkte. Ives benutzerfreundlichen Stilikonen vorangestellt sind die älteren Macintosh-Entwürfe des deutschen Apple-Designers Hartmut Esslinger. Exkurse in die Welt der Mode, des Möbeldesigns oder der Pop- und Alltagskultur rund um 30 Jahre Apple verorten die Exponate im Fluss der zeitgenössischen Trends und Designströmungen.
Dennoch: "Das soll hier keine Jubel veranstaltung für Apple werden", betont Pressesprecherin Michaela Hille die Unabhängigkeit von dem Computerriesen. Die harten Arbeitsbedingungen in den asiatischen Apple-Fabriken werden ebenso thematisiert wie die Umweltproblematik gerade beim Recycling. Im Zentrum von "Stylectrical" stehen zwar die Produkte der Firma Apple. Doch 300 der 400 Exponate sind ganz anderer Herkunft. Zum Beispiel vom legendären Elektronik hersteller Braun und dessen Chefdesigner Dieter Rams. Rams zeitlos schlichte Entwürfe besitzen bis heute Kultcharakter - auch für Jonathan Ive. Ina Grätz zeigt frappante Verwandtschaften auf. Kombiniert mit einer aktuellen Apple-Tastatur, wirkt der formal an einen modernen Flat-Screen erinnernde Braun-Lautsprecher LE1 aus dem Jahre 1959 plötzlich so, als hätte er für den iMac Pate gestanden. Das Braun-Transistorradio T3 von 1958 wiederum mit seiner schnörkellosen Drehscheibe zum Einstellen der Frequenzen mutet an wie ein Urahn des iPods. Wohin der aktuelle Hype um iPhone, iPod, iPad und Konsorten auch führen kann, zeigt die Schau am Ende des Parcours. Das dort versammelte Kabinett der Schrecklichkeiten reicht vom gehäkelten High-Tech-Futteral bis hin zum harmlosen Gag-Eierbecher namens Ei-Pott. Dessen Vertrieb hatte die zur Zeit teuerste, sicher aber nicht humorvollste Marke der Welt 2010 gerichtlich verbieten lassen.

Stylectrical - Von Elektrodesign, das Geschichte schreibt; Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg; bis 15. Januar 2012; Di-So jeweils 11-18 Uhr. Do 11-21 Uhr.

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