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Deutscher Buchpreis : Der Wert der Aufmerksamkeit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Heute wird in Frankfurt der Deutsche Buchpreis vergeben. Wie in jedem Jahr wird viel über den möglichen Sieger gerätselt – und diskutiert.

Frankfurt | Clemens Meyer wird wohl leer ausgehen. Büchnerpreisträger Reinhard Jirgl – wahrscheinlich auch. Die beiden sind die Favoriten auf den Gewinn des Deutschen Buchpreises (Dotierung: 25.000 Euro), der heute am Vorabend der Frankfurter Buchmesse vergeben wird, und deshalb haben sie, wenn alles normal läuft, keine Chance. Oder, besser gesagt: Eigentlich keine Chance, denn normal ist beim Buchpreis wenig. Kein Jahr, in dem die Wahl der Jury nicht kontrovers und öffentlichkeitswirksam diskutiert wird.

Da ist zum Beispiel die Sache mit Daniel Kehlmann. Der ist wieder nicht unter den sechs Finalisten, was nicht jeder versteht, unter Buchpreis-Kriterien aber durchaus Sinn macht. Kehlmann, der zumindest für die sogenannte Longlist nominiert war, ist ohnehin ein Bestseller, der braucht keinen Buchpreis, um seinen neuen Roman „F“ zu verkaufen. Aber ganz übergehen durfte man ihn auch nicht, ohne sich der literarischen Ignoranz verdächtig zu machen.

So wurde der Mann, der seit seiner „Vermessung der Welt“ ein Literatur-Star ist, immerhin so weit in Richtung Preis geschoben, dass niemand hinterher behaupten kann, man habe ihn vergessen. Eigentlich ist Kehlmann auch selbst Schuld an seiner Chancenlosigkeit: 2008 hat er die Abschaffung des Buchpreises gefordert, weil dieses „Spektakel für die Schriftsteller eine Quelle der Sorge und Depression“ sei – und die Jury ohnehin von „außerliterarischen Mechanismen eines verfilzten Milieus“ beeinflusst.

Das saß und machte Kehlmann bei seinen Autoren-Kollegen, die ein wenig mediale Aufmerksamkeit schon aus wirtschaftlichen Gründen durchaus zu schätzen wissen, nicht beliebter. Für die Jury des Buchpreises ist es seitdem nahezu unmöglich, Kehlmann den Preis zuzusprechen. Eigentlich. Am Ende zählt dann doch immer die öffentliche Aufmerksamkeit, die durch das Urteil der Jury erzielt wird. Deshalb sagen Kritiker des Buchpreises, er sei ein reiner Marketingtitel ohne nachvollziehbare Kriterien. Die Befürworter halten dagegen: Er ist der Kompass in den Weiten der deutschsprachigen Neuerscheinungen, die jährlich auf den Markt gespült werden. Die Wahrheit ist: Beide Seiten haben Recht.

In den zahlreichen belletristischen Werken, die im Frühjahr und Herbst in die Buchläden kommen, ist es selbst für den interessierten Leser kaum möglich, den Überblick zu behalten. Das einfachste Prinzip in diesem üppig wuchernden Literatur-Dickicht ist dabei, sich an bekannte Pfade zu halten, was aber gleichzeitig den Weg zu zahlreichen weniger bekannten Autoren verbaut. Immerhin finden sich unter den 20 Buchpreis-Finalisten der Longlist immer wieder Namen, die dem Publikum noch nicht geläufig sind.

In diesem Jahr sind das Monika Zeiner mit ihrem Roman „Die Ordnung der Sterne über Como“ und Mirko Bonné mit „Nie mehr Nacht“, die schon allein durch ihre Präsenz unter den sechs Finalisten in den Verkaufsregalen – versehen mit einem großen Aufkleber „Auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis“ – an vorderste Stelle rücken und ihre Verkaufszahlen damit vervielfachen. Das freut die Autoren, weil es ihren Wert steigert. Und es freut die Verlage, weil sie kostenlos öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Der Suhrkamp Verlag etwa könnte in Zeiten von Gesellschafter-Streitigkeiten und Auflösungsfantasien nichts besser gebrauchen als eine Buchpreisträgerin mit dem Namen Marion Poschmann. Der Titel ihres Romans „Die Sonnenpositition“ ist so weit entfernt von der Suhrkampschen Verlagsrealität, dass eine ironiestarke Jury durchaus gefallen an dieser Kombination finden könnte.

Apropos Jury: Terézia Mora, die mit „Das Ungeheuer“ nominiert ist, wird, egal wie es für sie ausgeht, das Urteil gewiss klaglos akzeptieren – schließlich hat sie 2006 schon einmal selbst über die Vergabe des Buchpreises mitentschieden.

Reinhard Jirgl ist, man muss es leider sagen, eigentlich nicht publikumswirksam genug für den Preis. Trotzdem: Ein Büchner-Preisträger muss immer zum Favoritenkreis gezählt werden. Und Clemens Meyer ist für seinen Roman „Im Stein“, der im ostdeutschen Rotlichtmilieu spielt, bereits derart oft bejubelt worden, dass er unweigerlich in die Favoritenrolle rutscht. Aber das wäre nach Buchpreis-Kriterien dann doch eine zu lineare und nachvollziehbare Entscheidung. Eigentlich.

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