"Höhere Finanzmathematik" : Der Tucholsky-Schwindel im Netz

Brachte dem Gedicht Ruhm und Ehre, hat es aber nicht verfasst: Kurt Tucholsky (links). Der wahre Autor: Dr. Richard Kerschhofer (rechts). Fotos: dpa/PAZ
Brachte dem Gedicht Ruhm und Ehre, hat es aber nicht verfasst: Kurt Tucholsky (links). Der wahre Autor: Dr. Richard Kerschhofer (rechts). Fotos: dpa/PAZ

Im Internet kursiert ein Gedicht, das die Gier der Spekulanten anprangert. Kurt Tucholsky soll es schon im Jahr 1930 geschrieben haben - ein grandioser Irrtum.

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17. November 2008, 01:42 Uhr

Wien | Vor drei Wochen ging der Trubel los. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise tauchte im World Wide Web plötzlich ein Gedicht des linken Publizisten Kurt Tucholsky auf, das er 1930 in der Zeitschrift "Die Weltbühne" veröffentlicht haben soll - als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise von 1929. Der Reim wird gefeiert, von Linken wie von Rechten, und millionenfach in E-Mails weiterverbreitet. Schließlich findet er sich sogar in den renommierten Internet-Portalen von "Süddeutsche Zeitung", "Die Zeit" und "Frankfurter Rundschau".

Der wahre Autor der zehn Strophen heißt Dr. Richard Kerschhofer, ist 69 Jahre alt und lebt in Wien. Der pensionierte Betriebswirt schreibt unter dem Pseudonym "Pannonicus" regelmäßig Glossen für das konservative deutsche Wochenmagazin "Preußische Allgemeine Zeitung", das die Landsmannschaft Ostpreußen in Hamburg herausgibt und das in Büdelsdorf bei Rendsburg gedruckt wird. In Österreich erscheinen seine Verse auf der Internetseite der FPÖ-nahen "Genius-Gesellschaft".
Hellseherische Fähigkeiten gelobt
Genau dort muss jemand das Gedicht kopiert und in Nachbarschaft eines Tucholsky-Textes veröffentlicht haben, vermutet Kerschhofer. Denn die Genius-Gesellschaft hat sich auf die neue deutsche Rechtschreibung festgelegt, während das Ostpreußen-Blatt Kerschhofers Gedicht am 27. September 2008 nach den alten Regeln veröffentlichte. Und wenig später tauchten seine Zeilen im Internet nicht mehr mit dem Autorenhinweis "Pannonicus" auf, sondern mit der Quelle: "Kurt Tucholsky, 1930, veröffentlicht in Die Weltbühne".

In Verbindung mit dem Namen des großen deutschen Publizisten und Satirikers Kurt Tucholsky (1890 - 1935), dem Sohn eines jüdischen Bankkaufmanns, gelangte das Gedicht zu Ruhm und Ehre. In Blogs wurden fortan Tucholskys hellseherischen Fähigkeiten gelobt, der schon 1930 die "Spekulantenbrut", ihre Leerverkäufe und Derivate geißelte.
16.800 Mal zitiert
Der Wiener Kerschhofer erhielt jedes Mal eine E-Mail von der Suchmaschine "Google Alerts", wenn seine Zeilen irgendwo im Internet veröffentlicht wurden. Auf 16.800 bezifferte Google gestern die Zahl der gefundenen Einträge - darunter zum Beispiel die Kommunistische Partei Österreichs, mit der der konservative Kerschhofer überhaupt nichts am Hut hat.

Jetzt, wo sich die fehlerhafte Autorenschaft langsam herumspricht, verschwindet das Gedicht sang- und klanglos von vielen Internetseiten, die Google-Links führen ins Leere. "Zuerst haben sehr viele das Gedicht gelobt", erinnert sich Kerschhofer. "Aber als bekannt wurde, dass es nicht aus der linken Ecke stammt, war es damit vorbei."

In Hamburg unterschreibt der Chefredakteur der "Preußischen Allgemeinen Zeitung", Konrad Badenheuer, nun Vollmachten für seine Anwälte. Der Zeit-Verlag, die Frankfurter Rundschau, der NDR, die Süddeutsche Zeitung - alle erhalten in den nächsten Tagen einen freundlichen Brief mit Hinweis auf die Urheberrechte des Verlages. Er freut sich, dass seine kleine Zeitung so einen großen Wurf landen konnte.

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