Albert Schindehütte : Der Stadtteilkünstler von Övelgönne

Große Holzschnitte zu Märchenthemen: Albert Schindehütte im vergangenen Jahr in seiner Ausstellung  im Kloster Cismar.
Foto:
1 von 2
Große Holzschnitte zu Märchenthemen: Albert Schindehütte im vergangenen Jahr in seiner Ausstellung im Kloster Cismar.

Der Hamburger Grafiker und Zeichner Albert Schindehütte wird 75 Jahre alt. Er feiert das mit einer großen Ausstellung in der Hamburger Fabrik der Künste.

<p>Martin Schulte ist Leiter der Kulturredaktion des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags.</p> von
27. Juni 2014, 08:25 Uhr

Hamburg | Dieser Mann ist eine Marke – als Künstler und als Mensch. Albert Schindehütte, Hamburger Grafiker und Zeichner, Mitbegründer der legendären Künstlergemeinschaft „Werkstatt Rixdorfer Drucke“, Original und Geschichtenerzähler, wird heute 75 Jahre alt.

Den Geburtstag wird er überwiegend mit Vorbereitungen für die große Feier verbringen, die am Abend in der Hamburger Fabrik der Künste begangen wird – dort wird sein neues Buch „Die Oevelgönn’schen Bilder“ vorgestellt.

Dieses Buch ist schon allein deshalb eine Besonderheit, weil es in der Nachbarschaft Schindehüttes entstanden ist und weil es viel über den Mann aussagt, der von allen nur Ali gerufen wird. Schindehütte, der in einem kleinen ehemaligen Lotsenhaus an der Elbe in Hamburg-Övelgönne wohnt, ist ein echter Menschenfreund. Immer mit einem Lächeln unter seinem bauschigen grauen Schnauzbart und immer freundlich. Und er ist so etwas wie der Stadtteilkünstler, viele Nachbarn haben Bilder von ihm bei sich zu Hause hängen. „Einige haben mittlerweile sogar schon richtige Sammlungen“, sagt Schindehütte.

Also zog er mit einem Fotografen los und machte Bilder von den Wohn- und Esszimmern, von den Fluren und Küchen seiner Nachbarn, von allen Orten, an denen seine Bilder hängen. 27 Haushalte hat er dabei besucht. Eine interessante Perspektive, weil nicht nur die Bilder für sich wirken, sondern das ganze Umfeld, in dem sie hängen, zur Entfaltung kommt. Viele kleine Ausstellungen, wenn man so will, die jetzt in einem Band versammelt sind. Ein Viertel voll mit Schindehütte-Bildern, kein Wunder, dass ihn jeder Zweite grüßt, der auf dem öffentlichen Weg zwischen dem Haus und seinem wunderschönen Garten direkt an der Elbe vorbeigeht.

Zu dem neuen Buch kommt die große Ausstellung mit 200 Zeichnungen, Radierungen, Lithographien und Holzschnitten Schindehüttes, die noch bis zum 6. Juli in der Fabrik der Künste läuft. 50 Jahre Schindehütte werden dort gezeigt. „Ich habe bewusst fast nur meine Arbeiten ausgewählt, um mich ein wenig von den Rixdorfern abzugrenzen“, sagt Schindehütte. Die „Werkstatt Rixdorfer Drucke“, die er 1963 mitbegründet hat und die mit ihrer ironischen und hintersinnigen Kunst bekannt geworden ist, hatte schließlich vor ein paar Monaten schon eine eigene Ausstellung in dem Haus.

Aber Schindehüttes Gesamtwerk ist so umfangreich, dass es genug zu entdecken gibt, was unabhängig von der Künstlergruppe entstanden ist. Seine feinen Zeichnungen etwa, seine kalligrafischen Arbeiten und – nicht zuletzt – seine Arbeiten zu Grimms Märchen. Seit Schindehütte, der 1939 im hessischen Breitenbach bei Kassel geboren wurde, durch Zufall entdeckt hat, dass er mit einem Märchenzuträger der Brüder Grimm verwandt ist, dem Wachtmeister Johann Friedrich Krause, der seine Geschichten gegen abgelegte Hosen der Grimms tauschte, hat er die Märchen und die Personen dahinter zu seinem Lebensthema gemacht. Große Holzschnitte von Märchenszenen, aber auch der sogenannten Zuträger hat er geschaffen, und außerdem in seinem hessischen Geburtsort die Schauenburger Märchenwache in einer ehemaligen Feuerwache etabliert, eine Dauerausstellung zum Thema Grimm.

So ganz ohne Rixdorfer wird es dann aber doch nicht gehen. Denn die Künstlergruppe, die sich eigentlich mit einer Mappe zum Thema „Totentanz“ standesgemäß verabschiedet hatte, wurde im vergangenen Jahr noch einmal reaktiviert – für eine gute Sache, eine Imagekampagne für den Wolf im Wendland. Nicht für das Märchentier, sondern den realen Isegrimm, der ins Wendland zurückgekehrt ist und von der Bevölkerung nicht nur freundlich begrüßt wurde. „Wendland ist Wolfland“ heißt das Thema der Arbeiten – Schindehüttes Blatt ist ebenfalls in Hamburg zu sehen.

Ob das wirklich das Ende der vier Rixdorfer Künstler war, bleibt abzuwarten. „Die Herren werden allmählich gebrechlich“, sagt Schindehütte und lacht sein rauhes Lachen dazu. Genug zu tun gibt es für ihn aber auch so – die Övelgönner Nachbarschaft will schließlich weiterhin mit Bildern versorgt werden.

Albert Schindehütte: Des Raben Wunderhorn. Fabrik der Künste, Kreuzbrook 10. Bis 6. Juli.

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen