Gerhart Bettermann : Der Makel im Lebenslauf

Selbstbildnis von Gerhart Bettermann.  Foto: St. Annen Museum Lübeck
Selbstbildnis von Gerhart Bettermann. Foto: St. Annen Museum Lübeck

Der Künstler Gerhart Bettermann hat möglicherweise enger mit den Nationalsozialisten zusammengearbeitet, als er zu Lebzeiten zugab.

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20. November 2010, 11:02 Uhr

Kappeln | Ein längst zerstörtes Wandbild, das zwei Personen mit Hitlergruß zeigt, sorgt für Aufregung. Der Maler des Werkes ist Gerhart Bettermann - ein Künstler, dessen Arbeiten von den Nazis als "entartete Kunst" diffamiert worden sind. Wie passt das zusammen? Der Künstler und Historiker Nicolaus Schmidt ging nun der Frage nach, wie Bettermann dem Nationalsozialismus wirklich gegenüberstand.
Bisher war Bettermann (1910-1992), einer der hervorragenden Künstler, die im vergangenen Jahrhundert in Schleswig-Holstein aktiv waren, bekannt für seine sozialkritischen Arbeiten. Doch nun bekommt sein Image einen Schaden: 2010 wäre Bettermann 100 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass fanden Ausstellungen in Kiel, Eckernförde und Kappeln statt. Bei der Recherche im Vorfeld dieser Ausstellungen kam ans Tageslicht, dass Bettermann - im Gegensatz zu seinen eigenen Aussagen - zur Zeit des Dritten Reiches möglicherweise enger mit den Nationalsozialisten zusammengearbeitet hat, als bisher angenommen wurde.
Nach Schleswig-Holstein geflohen
Bettermann war aus Berlin nach Schleswig-Holstein geflohen, da seine Kunst in der damaligen Reichshauptstadt als entartet bewertet wurde. Dies sprach sich scheinbar nicht bis Kappeln herum: Dort erhielt Bettermann 1937 den Auftrag, den Sitzungssaal des alten Kappelner Rathauses neuzugestalten - mit Stadt- und Handwerkermotiven. Das ist keine Neuigkeit. Das alte Rathaus wurde 1972 abgerissen und Bettermanns Wandmalerei geriet in Vergessenheit. Bei der Recherche zu den Ausstellungen entdeckten Kunsthistoriker nun eine Zeitungsdoppelseite des Schleiboten vom 8. März 1937, die in Erinnerung ruft, was Bettermann damals gestaltet hat: An die Stirnseite des Rathaussaales malte Bettermann vier Personen, links eine Frau mit einem Mädchen und rechts einen Mann mit einem Jungen, die mit der damals üblichen Handbewegung ein in der Mitte hängendes Porträt Adolf Hitlers grüßen. Das Bildnis des Diktators stammte vermutlich nicht von Bettermann, sondern war eher eines der damals typischen Gemälde, die zur Grundausstattung eines Rathauses gehörten. Zu sehen ist diese Szene, die auf der Abbildung im Schleiboten an Blut-und-Boden-Malerei erinnert, heute nicht mehr, da sie im Zuge des Rathausabrisses zerstört wurde.
"Das war für ihn ein dunkles Kapitel", sagt Marie-Luise Schmidt-Holländer, mit der Bettermann die letzten Jahre seines Lebens verbrachte. "Ich glaube, er wollte einfach nur überleben. Er musste ja irgendwie Geld verdienen. Aber er hat sich dafür geschämt. Ich hatte immer das Gefühl, dass er sich im Geiste davon distanzierte", so Schmidt-Holländer, die erklärt, dass der Künstler nie gerne über das Wandbild gesprochen habe.
Werke "völkischer Kunst"
Wenn überhaupt, dann stellte Bettermann die Angelegenheit immer so dar, als wäre seine Kunst von den Nazis für deren Zwecke vereinnahmt worden. Diese Sichtweise übernahmen Museen und Presse. "Dagegen spricht, dass Bettermann sogar einen eigenen Text für die Doppelseite geschrieben hat, in dem er sein Werk erklärt", sagt der in Arnis bei Kappeln geborene und in Berlin lebende Künstler Nicolaus Schmidt. Er war stutzig geworden, als er von der besagten Doppelseite erfuhr. "Meine ehemalige Kunstlehrerin in Kappeln, Gerda Schmidt-Panknin, hatte mir früher bereits von diesem Wandbild erzählt", erinnert sich Schmidt. Er studierte die Doppelseite von 1937 und verfasste einen Aufsatz - sein Fazit: "Gerhart Bettermann war nicht der Künstler, der die 1930er Jahre über von den Nationalsozialisten permanent verfolgt wurde." Bettermann sei, so Schmidt weiter, Schöpfer eines Werkes "völkischer" Kunst - also an die Ideologie der Nazis angelehnt - gewesen und habe eng mit der Kappelner Stadtverwaltung und deren Bürgermeister Hans Bielenberg kooperiert. Die Funktionäre seien laut Schmidt keine harmlosen Nazis gewesen, sondern hätten aktiv an der Judenverfolgung teilgenommen.
"In der bisherigen kunsthistorischen Darstellung wird Bettermanns Malerei im Kappelner Rathaus als politisch neutrale Darstellung von Motiven aus Handel und Gewerbe bezeichnet, aber die Doppelseite im Schleiboten gibt einen anderen Eindruck", sagt Schmidt, der anmerkt, dass Bettermann nach dem Krieg Informationen zu der Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten gegenüber Kunsthistorikern bewusst zurückgehalten und seine eigene Rolle für die Jahre 1936 bis 1938 historisch falsch dargestellt habe. "Eine gründliche kunsthistorische Aufarbeitung zu dieser anderen Seite der Biografie Gerhart Bettermanns ist deshalb dringend notwendig", erklärt Schmidt.
Mit historischem Abstand richtig einordnen
Was das angeht, erhält Schmidt die Zustimmung von Uwe Beitz, Leiter des Eckernförder Museums, der 1989 eine Biografie über den Künstler Bettermann verfasst hat. Beitz gibt allerdings zu bedenken, dass die Zeit des Dritten Reiches für Künstler eine besondere Situation gewesen sei, sie sehen mussten, wie sie Geld verdienten und heute eventuelle Beweggründe nicht mehr genau nachzuvollziehen seien. Schmidt sagt wiederum, dass bestimmte Sachverhalte erst mit einem historischen Abstand richtig eingeordnet werden könnten.
Eine Neubetrachtung Bettermanns würde sich als schwierige Aufgabe für Kunsthistoriker gestalten, da Bettermann nicht mehr lebt und nicht persönlich befragt werden kann. Außerdem steht das Wandbild wegen der Zerstörung nicht mehr für eine direkte Bildbetrachtung zur Verfügung.
Nicolaus Schmidt wird seinen Aufsatz auf der Internetplattform Kunstgeschichte Open Peer Reviewed Journal veröffentlichen - der erste Schritt, Bettermann kunsthistorisch noch einmal unter die Lupe zu nehmen, ist damit getan.

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