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Prachtvolles Pflanzenbuch : Der Gottorfer Codex: Ein Museum blüht auf

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Rätselhafte Zwiebeln auf Kalbspergament: Das Schleswig-Holsteinische Landesmuseum präsentiert den Gottorfer Codex in einer Sonderausstellung. Die Pflanzendarstellungen gehören zu den empfindlichsten Arbeiten der bildenden Kunst überhaupt

Schleswig | Warum interessierte sich ein Maler im 17. Jahrhundert für eine gewöhnlichen Pflanzenzwiebel? Diese Frage ließ Ulrich Schneider keine Ruhe. Der Kurator des Barockgartens von Schloss Gottorf war beteiligt am mehrjährigen Kooperationsprojekt zur Restaurierung des Gottorfer Codex. Das prachtvolle Pflanzenbuch im Besitz des Kopenhagener Statens Museum for Kunst wird ab Sonntag im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte auf Schloss Gottorf ausgestellt. Mit dabei eine Reihe von rätselhaften Zwiebeln.

Die Ausstellung der Werke aus dem Pflanzenbuch ist überwältigend: An einer Wand in der Reithalle  hängen über 37 Metern und 167 gerahmte Einzelblätter mit Blumendarstellungen – Gouachen auf Kalbspergament. Davor liegen vier große Bücher, in denen die Blätter vor ihrer Restaurierung gebunden waren. Die Illustrationen sind bunt, detailliert und fesseln den Blick. „Die Qualität des Gottorfer Codex geht weit über die in der Zeit übliche Erfassung der heimischen und exotischen Prachtpflanzen hinaus und wird damit zu einem einmaligen botanischen Werk, das im 17. Jahrhundert seinesgleichen sucht“, stellt Museumsdirektorin Kirsten Baumann fest.

Der damalige Schlossherr Herzog Friedrich III. hatte den Gottorfer Codex in Auftrag gegeben. Unter ihm entwickelte sich Gottorf zu einem der bedeutendsten Höfe der Epoche. Das Schloss galt als eines der kulturellen Zentren Nordeuropas – Riesenglobus,  die Sammlungen der Kunstkammer und der Bibliothek waren berühmt. Und Friedrich III. ließ auch den Neuwerkgarten legen, um eine Pflanzenvielfalt vor Ort zu haben, die dann im Gottorfer Codex dokumentiert werden sollte. „Friedrich III. hat an dem Garten einen Narren gefressen“, sagt Ulrich Schneider, der die Ausstellung kuratierte. Ein Vermögen habe der Herzog dafür ausgegeben.

Zwischen 1649 und 1659 schuf der Hamburger Blumenmaler Hans Simon Holtzbecker die floralen Kunstwerke. Er illustrierte die Pflanzen zu detailliert, dass Botaniker noch heutzutage die Blumen anhand von Blattstellung oder -form sofort identifizieren und unterscheiden können. Mittels der Pergamente konnte Friedrich III. die Gottorfer Pflanzenpracht zu jeder Jahreszeit unabhängig von der Blütezeit der verschiedenen Blumen Gästen präsentieren. Allerdings erlebte er die Vollendung Holtzbeckers Arbeit nicht mehr. Sein Sohn Christian Albrecht ließ die Pergamente beschneiden und zum Codex zusammenbinden.

Die Darstellungen gehören zu den empfindlichsten Arbeiten der bildenden Kunst überhaupt. Deshalb verschwinden die Blätter nach der Ausstellung auf unbestimmte Zeit im Archiv des Kopenhagener Museums.

Wie der Gottorfer Codex von Schleswig dorthin kam, ist ein Rätsel – es könnte während des Großen Nordischen Krieges  passiert sein. 

Der Gottorfer Codex steht für einen Wandel der Weltansichten. Im 16. Jahrhundert wurden Pflanzen in der Kunst als Symbolträger eingesetzt – die Lilie zum Beispiel stand dabei vor allem für Reinheit. Ab dem 17. und 18. Jahrhundert, rückte das Naturstudium in den Mittelpunkt. Es ging fortan darum, Pflanzen so korrekt wie möglich darzustellen, um zu sie wissenschaftlich zu verstehen –  im Sinne eines Carl von Linnés, dessen Nomenklatur der Pflanzen noch heute gültig ist. „Und dazu gehörte eben nicht nur die Schönheit der Blumen, sondern auch Dinge zu zeigen, die unter der Erdoberfläche lagen“, sagt Schneider.  So erklärt sich auch das Interesse an einer Pflanzenzwiebel.

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erstellt am 22.Mai.2014 | 17:53 Uhr

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