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Premiere am Theater Lübeck : „Der blaue Engel“ kehrt zurück

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

1930 ging Marlene Dietrich mit dem Film „Der blaue Engel“ in die Filmgeschichte ein. In Lübeck kommt der Klassiker auf die Bühne. Die Geschichte basiert auf Heinrich Manns Roman „Professor Unrat“, der in der Hansestadt spielt.

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erstellt am 29.Jan.2014 | 16:01 Uhr

Lübeck | Oben hui – und unten? „Professor Unrat“ ist ein Synonym für Verklemmtheit, Tyrannei und Bigotterie. Heinrich Mann siedelte seinen 1905 erschienenen Roman in irgendeiner norddeutschen Kleinstadt an. Es wurde sein bekanntestes Werk, das 1930 als „Der blaue Engel“ in die Filmgeschichte einging. Die Indizien dafür, dass der Roman in Lübeck spielt, sind überwältigend. Wenn die Bühnenadaption jetzt am Theater Lübeck Premiere hat, wird also ein deftiger Teil städtischer Vergangenheit lebendig: Nicht nur, weil der gebürtige Lübecker Heinrich Mann die Vorlage lieferte. Sein Material rekrutiert sich aus sinnlichen Abenteuern – selbst erlebt am Fuß des Lübecker Stadthügels. Mit 17 hatte Heinrich Mann seine Unschuld in einem Etablissement namens „Pension Knoop“ verloren, die er später brieflich einem Freund empfahl.

Die Rechercheure staunten nicht schlecht. Auf Materialsuche für die Sonderschau „Aufgemerkt nun also! 100 Jahre Heinrich Manns Professor Unrat“ stießen sie 2005 auf Gold. Angetrieben von dem Wissen, dass der 1871 geborene Senatoren-Sohn Heinrich ganz genau wie sein späterer Roman-Schüler Lohmann vom Mileu angezogen wurde, kamen deutliche Lübeck-Merkmale im „Professor Unrat“ zutage.

So fand sich das mutmaßliche Vor- und Urbild des „Blauen Engel“, der Spelunke, in der die verhängnisvolle Affäre zwischen Professor Raat und der Barfußtänzerin Rosa Fröhlich begann: Eine Lokalität, die als Weißer oder auch Goldener Engel an der heutigen Clemensstraße (bis 1927 Clemenstwiete) um Kundschaft buhlte und wie auch das Haus Nummer 10 um 1900 zum Bordellbetrieb ausgebaut wurde. Hier war quirliger Sperrbezirk, in dem zu besten Zeiten mindestens 100 Damen ihre Dienste anboten. Nach 1900 indessen blühte hier die Sünde. Und Heinrich kannte sich gut aus in den „kotigen Twieten“ („Der Untertan“).

Erkennbar ist auch das ehrwürdige Katharineum, das Gymnasium, das Heinrich einst selbst besuchte, und im Roman Arbeitsplatz des Professors ist. Ebenso wie sein Roman-Gymnasiast Lohmann mochte Heinrich Mann sich nicht widerspruchslos in den Schulbetrieb fügen. Lohmann, intelligent und renitent, entzieht sich ,,bei verbotenen Freuden der harten Zucht des Lehrers“. Heinrich war ebenfalls kein frommer Schüler und hielt nur bis zur Unterprima aus. Bei allem Unbehagen mit wilhelminischen Bildungsidealen hatte das Lehrpersonal immerhin die Steilvorlage zum „Professor Unrat“ geliefert. Heinrichs ehemalige Klassenkameraden – und Lehrer – entdeckten sofort Ähnlichkeiten; die Lektüre des Romans wurde an der Schule verboten. Auch in den Bürgerhäusern nahm man etwas übel: Waren dort die vier Jahre zuvor erschienenen „Buddenbrooks“ von Thomas Mann schon nicht gut aufgenommen worden (die ja wenigstens das vornehme Lübeck spiegelten), so war die genüsslich zelebrierte Affäre zwischen dem tyrannischen Professor und der liederlichen „Künstlerin“ Rosa schlichtweg skandalös.

108 Jahre später ist Lübeck mit Heinrich, Rosa und Unrat ausgesöhnt – und „Der blaue Engel“ mit der Aufnahme der Bühnenadaption in das Theater-Erfolgsprojekt „Wagner-trifft-Mann“ geadelt. Zu sehen ist eine Inszenierung von Andreas Nathusius in einer Bühnenfassung von Peter Turrini – wie zu erwarten im Lübecker Schauspiel mit viel Live-Musik (Felix Huber). Das Theater verspricht ein „Abenteuer Unmoral“. Man darf gespannt sein.

Geadelt ist dieses „andere Lübeck“ auch von den Lübecker Museen, es kann sogar mittels literarischer Stadtführung erkundet werden. Sie kosten 75 Euro pro Gruppe und sind unter 0451/122 4243 zu buchen.

Und an der Clemensstraße lädt gewissermaßen in sito seit einigen Jahren tatsächlich ein „Blauer Engel“ ein – ein harmloser Café-Engel, in dem Live-Musik und Feste auf dem Programm stehen (www.blauerengel-luebeck.de).

„Der Blaue Engel“ hat am 1. Februar um 19.30 Uhr im Großen Haus Premiere. Weitere Vorstellungen: 5. und 22. Februar, jeweils 19.30 Uhr. Theater Lübeck, Beckergrube 16. Theaterkasse: 0451/399 600.



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