Live-Sex auf Bühne in Hamburg : Das erste Mal: Nackt und ohne Worte

Das Theaterstück 'Libido Sciendi' von Regisseur Pascal Rambert wurde am Donnerstagabend auf Kampnagel vom Publikum begeistert aufgenommen. Foto: Kampnagel
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Das Theaterstück "Libido Sciendi" von Regisseur Pascal Rambert wurde am Donnerstagabend auf Kampnagel vom Publikum begeistert aufgenommen. Foto: Kampnagel

Die Premiere des Theaterstücks "Libido Sciendi" in Hamburg wurde begeistert aufgenommen. Im Vorfeld gab es aber heftige Kritik am Live-Sex auf der Bühne.

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12. Juni 2011, 09:42 Uhr

Kunst oder Pornografie? Beim "Live Art Festival" gab es am Donnerstag "Live-Sex" auf der Bühne der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel. Die "Choreographie einer Paarung" bekam viel Applaus.
Erotischer Auftritt auf der Theaterbühne: Ein Mann und eine Frau ziehen sich nackt aus und begegnen einander mit einem langen Kuss. In den nächsten 40 Minuten wird kein Wort gewechselt, es gibt keine Musik, keine Beleuchtung. Stattdessen wird die „Choreographie einer Paarung“ gezeigt - in den verschiedensten Stellungen und Positionen. Mal verspielt und leidenschaftlich, mal nüchtern und mechanisch.
"Sehr poetische Art und Weise"
Das Theaterstück "Libido Sciendi" von Regisseur Pascal Rambert wurde am Donnerstagabend in Hamburg auf Kampnagel im Rahmen des Live Art Festivals präsentiert und vom Publikum begeistert aufgenommen.
Zuvor hatte die "Live Sex Performance" noch für einige Kritik gesorgt.
"Es wird auf sehr poetische Art und Weise gezeigt, wie man sich körperlich nähert und wieder entfernt", sagte eine Zuschauerin im Anschluss. Im Mittelpunkt der 2008 in Frankreich uraufgeführten Inszenierung stehen die Tänzerin Ikue Nakagawa (30) und ihr Ehemann Lorenzo de Angelis (25). Zu Beginn erheben sie sich aus dem Publikum, betreten die Bühne - eine große weiße Matte vor einer schwarzen Wand - und entkleiden sich.
Raum für Fantasie
Der folgende Liebestanz bietet einen unverklärten Blick auf die sich vereinigenden Körper, ohne zu obszön daherzukommen. Während der Aufführung herrscht angespannte Stille: Ohne Musik und ohne Dialoge ist ab und an lediglich ein Stöhnen und die Kraft der Körper zu vernehmen. Trotz der intimen und direkten Szenen geht die Inszenierung nicht bis zum Äußersten - und lässt dem Betrachter Raum für Fantasie.
"Pornografie interessiert mich nicht, denn sie liefert keine Imagination. Was mich interessiert, ist unser erotisches Verhältnis zum Leben", sagt Regisseur Rambert. Deshalb könne er auch die Aufregung um sein Stück nicht nachvollziehen. Im Vorfeld hatte die freizügige Inszenierung für Unmut gesorgt: Auf St. Pauli gebe es genug echten Sex. Das brauche man nicht auf einer staatlich subventionierten Bühne, erklärten Kritiker. Auch das Publikum kann den Wirbel nicht nachvollziehen. Von Skandal könne keine Rede sein, sagte ein Besucher. "Das war eine wunderschöne, sinnliche und stimmige Inszenierung", meinte ein anderer.
"Sehr auf uns konzentriert"
Und wie einfach fällt dem tanzenden Ehepaar der intime Auftritt vor Zuschauern? "Während der Inszenierung sind wir sehr auf uns konzentriert", erklärt de Angelis. Vertrauen sei eine wichtige Voraussetzung. Ob sie sich den Auftritt auch mit einem Fremden vorstellen könnten? "Nein, eher nicht", sagen die beiden lachend. "Und wenn, dann wäre ein komplett anders Stück dabei herausgekommen."
Herbe Kritik an Sex-Szenen
Im Internet war die die freizügige Inszenierung im Vorfeld auf Kritik gestoßen: "wenn auf kampnagel so etwas von der stadt hamburg subventioniert wird, dann kommt auch bald das eros-center und hält die hand auf nach steuergeldern", kommentiert ein Leser einen entsprechenden Artikel der "Hamburger Morgenpost".
Die Aufführung sei nicht mit Sex-Shows auf der Reeperbahn zu vergleichen, hält Deuflhard dagegen. "Die Absicht und die Darstellung ist eine völlig andere. Es handelt sich um eine sehr ästhetische Inszenierung." Es sei ein sehr feines Stück, in dem es um Begehren gehe. Auch wenn es am Anfang für den Zuschauer vielleicht ungewöhnlich sei, aus nächster Nähe mit solch einer Intimität und damit auch mit der eigenen Sexualität konfrontiert zu werden.
Viele shz.de-Leser fanden Bühnen-Sex geschmacklos

Auch viele Leser von shz.de stimmten gegen das Theaterstück. In einer nicht repräsentativen Umfrage sagten mehr als 45 Prozent: "Sex auf der Bühne ist geschmacklos und gehört - wenn denn überhaupt - auf die Reeperbahn." Gut ein Viertel (etwa 26 Prozent) der Teilnehmer fand, in einer sexualisierten Gesellschaft müsse sich auch die Kunst mit dem Thema auseinandersetzen. Etwa 15 Prozent sagten: "Die Grenzen sind fließend - man sollte Sex nicht nur nutzen, um Publikum in die leeren Theater-Säle zu ziehen."
Aber braucht es heutzutage noch nackte Körper und Sex-Szenen auf der Theaterbühne? Neu ist die Idee schon lang nicht mehr. So haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Theatermacher mit Porno- und Gewaltdarstellungen für Skandale gesorgt - oder es zumindest versucht. "In solch einer sexualisierten Gesellschaft, in der wir leben, muss man sich mit dem Thema auseinandersetzen", meint Deuflhard. Anders sieht es ein zweiter Leser des "Morgenpost"-Artikels: "Gähn. Das knüpft doch nur an die verzweifelten Versuche seit Ende der 80er an um mehr Publikum ins Theater zu holen."
(dpa, shz)

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