Kommentar von Martin Schulte : Dänische Grenzüberschreitung

Erst wollen sie die Grenzen dicht machen, dann ereifern sie sich über den deutschen Künstler Thomas Klipper, der im dänischen Pavillion auf der Biennale in Venedig Besucher über Polikierporträts trampeln lässt - Martin Schulze über das angespannte dänische Gemüt.

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11. Juni 2011, 11:40 Uhr

Etwas ist faul im Staate Dänemark! Diese berühmten Worte ruft der Wachoffizier Marcellus verzweifelt aus, als Prinz Hamlet dem Geist seines ermordeten Vaters folgt. Der treue Soldat versteht die Welt nicht mehr - und diese Welt war zu Hamlets Zeiten noch wesentlich übersichtlicher als sie es heute ist. Shakespeares Drama um den dänischen Königssohn spielt weit vor der europäischen Idee und dem Schengen-Abkommen - trotzdem lässt sich Marcellus Ausspruch ohne weiteres in die Gegenwart tragen. Auch heute ist wieder etwas faul im Staate Dänemark, und das irritiert die deutschen Nachbarn.
Dänemark war einmal als Hort der Offenheit und Toleranz bekannt, ein sympathischer Nachbar mit dem putzigen Hang zum Ultra-Patriotismus. Freundliche Menschen gab es dort, schöne Landschaften und auf den Campingplätzen sprach man deutsch. Selbst der trojanische Oberbürgermeister, den die dänische Minderheit in Flensburg installieren konnte, wurde herzlich begrüßt. Diese Dänen, hieß es dann, als spräche man über die niedlichen Nachbarskinder.
Thomas Kilpper - ein deutsch-dänischer Schengen-Sonderfall
Aber jetzt sind sie zu weit gegangen, diese Dänen. Sie wollen die Grenze zumachen, zumindest stärker kontrollieren. Um Diebesbanden aus dem Land zu halten und den Menschen- und Drogenschmuggel zu unterbinden, sagen sie. Ein Frontalangriff auf die Deutschen, schließlich sind es meist sie, die die Grenze passieren.
Ein deutsch-dänischer Schengen-Sonderfall ist dabei Thomas Kilpper aus Berlin. Der Künstler wurde von den Dänen ganz bewusst ins Land geholt, damit er ihnen in Venedig bei der Kunstbiennale den Pavillon mit Besuchern füllen möge. Nur hatte Kilpper eine komische Idee geschmuggelt, die seinen Auftraggebern jetzt gar nicht mehr behagt. "Pavillon für revolutionäre Redefreiheit" hat er sein Projekt genannt, und 33 Politikerporträts - darunter auch die der Rechtspopulistin Pia Kjærsgaard und des Mohammed-Karikaturisten Kurt Westergaard - auf den Boden geklebt, auf dass die Besucher auf ihnen herumtrampeln mögen. Das ist wenig originell, aber dem (angespannten) dänischen Gemüt Grund genug, den Berliner Künstler als respektlos zu beschimpfen. Eine erstaunliche Einschätzung aus dem Land, das die Mohammed-Karikaturen seinerzeit mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigt hat.
Kilpper jedenfalls wird es - Grenzkontrollen hin oder her - künftig schwer haben in Dänemark. Auch, weil dort von der Regierung ganz offiziell die Frage geklärt wurde, welche Kunst und Literatur als dänisch bezeichnet werden darf. Der Berliner gehört erwartungsgemäß nicht dazu, und auch Prinz Hamlet fehlt - denn bei Shakespeare wurden die Dänen bereits zu einer Zeit kritisiert, als sie noch gar nicht wussten, wie empfindlich sie einmal sein werden.
(mas, shz)

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