"Carmen" in der Lübecker Pop-up-Kulisse

Teufelin in rot: Anna Malavasi als Carmen. Foto: Theater Lübeck
Teufelin in rot: Anna Malavasi als Carmen. Foto: Theater Lübeck

Das Theater Lübeck zeigt "Carmen". Am Wochenende feierte die Inszenierung Premiere - mit wunderbaren Stimmen und spektakulärer Interpretation.

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03. Mai 2011, 11:04 Uhr

Lübeck | Die Italiener sind los. Wie man eine "Carmen" ganz ohne Folklore und dennoch mit Pfeffer anrichtet, zeigt der Mailänder Alberto Triola in Lübeck. Am Wochenende hatte die Oper des Franzosen Bizet Premiere: Ein internationales Fest mit wunderbaren Stimmen und einer spektakulären Interpretation der Geschichte.
Hat Don José alles nur geträumt? Die Oper "Carmen", von Georges Bizet einst nach einer Novelle Prosper Mérimées komponiert, startet in Lübeck schockierend brav in einer Einbauküche. Dort verschanzt sich José hinter einer Zeitung, während die Frau energisch die Kinder in den Tag bugsiert. Derweil haben die Lübecker Philharmoniker unter Leitung Roman Brogli-Sachers die Ouvertüre sehr flott vor die ersten Bilder gesetzt: Hier, das spürt der Besucher von Beginn an, wird es kein vergossenes Herzblut zu Flamenco und Rüschenrock geben, und auch Kastagnetten sind nur aus dem Orchestergraben zu hören.
Cilene Giancarlo Monsalve brilliert zwischen zwei Frauen
Stattdessen seziert Triola mit seiner Inszenierung Träume. Welcher Don José möchte sich schon von einem Gretchen dressieren lassen, wenn erotische Abgründe locken? Andererseits baut die Familie auf Sohnestreue. Das Phantom in Triolas Oper nämlich ist die Mutter, die José mit der braven Micaela liieren möchte. Anne Ellersiek zeigt in dieser Rolle stimmlich und körperlich einen entschiedenen Gegensatz zur Zigeunerin Carmen, die von der Italienerin Anna Malavasi als Teufelin in Rot verkörpert wird. Zwischen beiden Frauen brilliert der Chilene Giancarlo Monsalve als Don José; Antonio Yang rundet das Quartett der Protagonisten ab.
Sevilla ist der Ort des Dramas. Tiziano Santi zeigt auf seiner Bühne Fassaden, in deren Fensterhöhlen einfach alles lauern kann. Folgerichtig gestaltet er seine Bauten zu einer Art Pop-up-Kulisse, in der die Männerträume auf Erweckung warten - die ordentlichen und die unordentlichen. Folge der aufwändigen Bühnenbauten ist allerdings, dass die Pausen zwischen den Bildern so lange dauern, dass sich die wachsende Unruhe des Publikum mit den ersten Takten des neues Bildes mischt. Das nimmt einiges vom Genuss, den der dreieinviertel Stunden dauernde Abend ansonsten bereitet.
Das Ende ist blutig: Carmen sieht ihren Tod voraus, in einer imaginären Arena metzelt Escamillo einen Stier. Und Don José? Am Schluss liegt er am Boden seiner wieder erstandenen Einbauküche. Erschöpft, tot, mit abgestoßenen Hörnern? Die Tore der Interpretation sind aufgestoßen. Das eine oder andere "Buh!" für Triola mischt sich unter den Schlussapplaus. Der kann zufrieden sein. Immerhin hat er damit gelieb äugelt, den kulturellen Boden der bürgerlichen Welt zu erschüttern wie weiland Bizet.

Nächste Vorstellungen: Di., 3. Mai., 18 Uhr; Do., 5. Mai, 19.30 Uhr. Theater Lübeck, Großes Haus, Beckergrube 16. Theaterkasse: 0451/399-600.

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