Festival in Scheeßel : Bürgerliche Werte beim Hurricane

Ganz sicher kein Bewohner des Green Camps, auch wenn im Hintergrund Häuser stehen.
Ganz sicher kein Bewohner des Green Camps, auch wenn im Hintergrund Häuser stehen.

70.000 Menschen kamen zum Festival nach Scheeßel. Ein neuer Campingbereich sollte Schmutz und Lärm eindämmen. Der gemeine Homo Hurricanus mag es aber nach wie vor etwas dreckiger.

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20. Juni 2011, 10:08 Uhr

rotenburg | Der Regen machte sie am Ende dann doch wieder alle gleich. Nicht nur der Bereich vor den Bühnen und die Zeltplätze wurden gestern von den Wassermassen in eine Matsch- und Pfützenlandschaft verwandelt, sondern auch das Green Camp. Dort hatten die Veranstalter des Hurricane-Festivals in diesem Jahr erstmals ein alternatives Wohnkonzept für Festivalbesucher angeboten - 9000 der mehr als 70.000 Besucher hatten sich dafür angemeldet.
In diesem abgesperrten Bereich sollen bürgerliche Festival-Werte wie Sauberkeit, Ruhe und anständiges Benehmen gelten, die soziale Kontrolle innerhalb der Camp-Gruppe für die Einhaltung der Regeln bürgen. Wer sich nicht benimmt, der fliegt raus - zurück zum normalen Festival-Volk.
Energiefluss zwischen Band und Publikum
Das schaut etwas irritiert von seinen zugemüllten Zelten auf die andere Seite; tauschen will eigentlich niemand. Der gemeine Homo Hurricanus mag es gern etwas dreckiger, sein Revier markiert er mit leeren Bierdosen und Einmal-Grills.
Prächtig unterhalten wurden beide Seiten, von Portishead mit der fantastischen Beth Gibbons am Mikro, die allein schon die Anreise wert waren oder von Arcade Fire, die nicht nur eine unglaubliche Bühnenpräsenz zeigten, sondern mit ihrer achtköpfigen Combo einen Energiefluss zwischen Band und Publikum schafften, der schon fast magisch war. Enttäuschend dagegen Sublime with Rome, die - von vielen Besuchern freudig erwartet - an der Technik scheiterten. Viel war nicht zu hören und das wenige, was beim Publikum in den mittleren Reihen ankam, klang nach Mixtape aus dem heimischen Kassettenrekorder. Ähnliche Probleme gab es bei Incubus, auch dort trug der Wind zu Beginn einen Teil der Musik davon, später wurde offensichtlich nachgesteuert. Alles in allem galt aber auch in diesem Jahr wieder: Das Hurricane ist vom Line-up konkurrenzlos gut besetzt; so gut, dass bei fast 80 Bands auf vier Bühnen viele schwierige Entscheidungen anstehen und - zumindest bei den kleineren Bühnen - immer häufiger der Unmut vieler Besucher laut wird. Denn die Kapazitäten dort reichen oft nicht aus für das große Publikumsinteresse.
Vielleicht lässt sich eine ähnliche Entwicklung im kommenden Jahr beim Interesse am Green Camp beobachten. Die ökologische Idee und die Nachhaltigkeit sollen dann noch mehr in den Vordergrund gestellt werden. Wenn die Welt besser werden soll, dann darf auch vor dem niedersächsischen Flachland nicht Halt gemacht werden. Und dass 70.000 Menschen, die überwiegend mit dem eigenen Wagen anreisen, viel Müll und andere Dinge hinterlassen und ein ganzes Areal niedertrampeln, eine ökologische Relevanz haben, kann niemand ernsthaft bestreiten. Nicht mal die Bewohner der zugemüllten Zeltplätze, die sich ihren Lebensraum künftig mit den Vertretern der neuen grünen Festival-Ideologie teilen müssen.
(mas, shz)

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