Broadway-Flair und Realitätsnähe

Bunt: 'Hello, Dolly' in Kiel. Foto: struck
Bunt: "Hello, Dolly" in Kiel. Foto: struck

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07. November 2011, 03:59 Uhr

Kiel | Nicht im Vorort Yonkers und in New York selbst spielt "Hello, Dolly", sondern irgendwo zwischen Legoland und Hansa-Park. In dieser abgeschotteten Theaterwelt jedenfalls hat Olaf Strieb seine Kieler Inszenierung angesiedelt.

Während man sonst dem Musical eine gewisse Wirklichkeitsnähe, wenn nicht sogar Zeitkritik gegenüber der verträumten Operette nachsagte, drang in Striebs Version frei nach Theodor Storms "Abseits" noch kein Klang der aufgeregten Zeit.

Dabei täuschen Diana Pählers Bühnenbilder mit einem dreiflügligen Treppenaufbau eine gewisse Realitätsnähe vor. Kennzeichnende Raum-Elemente wie eine New Yorker Straße, ein Geschäftseingang, eine Ladentheke oder eine Hutladeneinrichtung schweben aus dem Schnürboden herab oder werden aus Seitenkulissen hereingeschoben. Den choreografisch als dynamische Menge bewegten Chor steckt Veronika Lindner in Kostüme der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Schon von der Ausstattung her eine aufwendige Revue.

Die Grundlage der Handlung hat Thornton Wilder mit der Komödie "The Matchmaker" geliefert. Alles rankt sich um die Titelfigur Dolly, eine gerissene Maklerin, die alles Mögliche und auch Heiraten vermittelt. Zuletzt als krönenden Abschluss ihre eigene. In dieser zentralen Rolle vereint Heike Wittlieb alles, was man von einem Musical-Star erwartet: Charmantes Aussehen, schauspielerische Gewandtheit, tänzerische Eleganz und einschmeichelnde Songs. Außer ihr wird nur dem reichen, zunächst widerspenstigen Ehekandidaten Horace Vandergelder ein bisschen Individualität gestattet. Typengerecht die übrigen Solisten: Guido Kleineidam und Michael Müller als Vandergelders Ladenschwengel, Sabine Schreitmüller und Marianne Curn als ihre späteren Partnerinnen aus dem Hutladen; Evita Komp, eine Quietschpuppe, als Vandergelders Mündel und Andreas Schneider als ihr Liebhaber sowie Silke Dubilier und Fred Hoffmann in weiteren Chargen. Alle sind choreografisch eingebunden. Denn der wahre Hauptakteur ist das Ballett, von Jochen Schmidtke mit der Kieler Company hervorragend in Szene gesetzt. Auch die Kieler Philharmoniker unter Michael Nündel machen schmissig und schmalzig gute Miene dazu und ernten wie alle riesigen Beifall.

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