Behnhaus Lübeck : "Brigitte" kehrt heim

'Brigitte' von Gerhard Marcks.
"Brigitte" von Gerhard Marcks.

Die Mädchenfigur "Brigitte" des deutschen Bildhauers und Graphikers Gerhard Marcks (1889-1981) jetzt wieder im Lübecker Behnhaus zu sehen.

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31. März 2011, 11:02 Uhr

Lübeck | Eine Verschollene ist zurück: 1937 von den Nationalsozialisten als "entartet" beschlagnahmt, ist die Mädchenfigur "Brigitte" des deutschen Bildhauers und Graphikers Gerhard Marcks (1889-1981) jetzt wieder im Lübecker Behnhaus zu sehen - eine Dauerleihgabe aus dem Eigentum der Ferdinand-Möller-Stiftung. Ein perfekter Zeitpunkt für die Heimkehr und eine perfekte Nachbarschaft: Bis zum 29. Mai zeigt das Behnhaus Drägerhaus Werke des Marcks-Freundes Ernst Barlach und an der nahen Katharinenkirche brachte Marcks einst die von Barlach begonnene "Gemeinschaft der Heiligen" zu einem Abschluss.
Die Geschichte der "Brigitte" ist abenteuerlich: Museumsdirektor Carl Georg Heise (1890-1979) holt die grazile, 92 Zentimeter große, un bekleidete, der Tochter des Künstlers nachempfundene Figur zunächst als Leihgabe an die Trave, 1932 wird sie gekauft, nachdem Heise überzeugt ist, dass die "kleine Puppe" (Marcks) sich gut ins Behnhaus fügt. Lübeck ist ihrem Schöpfer nicht fremd. Bevor er in den Dunstkreis von Walter Gropius tritt und bald Bauhaus-Lehrer wird, machte er hier eine militärische Ausbildung; an der Trave hat Heise mit Werken von Kirchner, Schmidt-Rotluff, Nolde, Heckel, Nay und Kolbe ein überregional bedeutendes Museum für Gegenwartskunst aufgebaut. Die "kleine Puppe" steht sieben Jahre lang in bester Gesellschaft.
Wo die "Brigitte" im Behnhaus stehen wird, ist noch nicht geklärt
Heise wird schon 1933 entlassen; 1937 fällt moderne Kunst nationalsozialistischer Barbarei zum Opfer. 168 Werke der Behnhaus-Sammlung sind als beschlagnahmt dokumentiert, etliche werden vernichtet, andere verkauft. Dass die "Brigitte" die Zeit unbeschadet überlebt, ist Ferdinand Möller zu verdanken, einem der renommiertesten Händler zeitgenössischer Kunst, der die Marcks-Skulptur kauft und mit nach Berlin nimmt. Dort allerdings fallen bald Bomben. Möller geht mit Familie und Kunstwerken ins brandenburgische Zermützel und von dort 1949 über Westberlin nach Köln. 1956 stirbt er. Die "Brigitte" ist unerkannt archiviert. Seit 1995 fördert eine Stiftung seines Namens unter anderem die Dokumentation der als "entartet" entfernten Kunstgegenstände. Das Rätsel der zarten Mädchenfigur wird erst 2010 gelöst. Für Lübeck ist das eine Sensation, die "Brigitte" ist das erste der einst beschlagnahmten Werke, das an die Trave zurückkehrt.
Gerhard Marcks, einer der bedeutendsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts, ist auch einer der präsentesten. In Norddeutschland finden sich im Öffentlichen Raum die "Bremer Stadtmusikanten" am Bremer Rathaus, "Der Rufer" am Bremer Weserufer, "Charons Nachen" (integriert ins Mahnmal für die Bombenopfer) sowie "Prophet und Genius" auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg, der "Heilige Georg" vor der Dreifaltigkeitskirche in Hamburg-St. Georg. In Lübeck lässt Heise kurz nach seiner Entlassung von 1933 die Figuren der "Gemeinschaft der Heiligen" verstecken. Nach Kriegsende vollendete Marcks die Gruppe an der Katharinenkirche.
Wo die "Brigitte" im Behnhaus stehen wird, ist noch nicht geklärt. Zur Zeit ist sie in der Halle zu sehen, wo sie "ganz gut steht", wie Museumschef Alexander Bastek urteilt. Er kann sie sich aber auch nahe dem Munch-Gemälde "Die Söhne des Dr. Linde" vorstellen, denn die "Brigitte", so Bastek, steht ebenso da, wie einer der Jungen.
(lub, shz)

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