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Handy-Kunst : Brigitta Borchert: Smartphone statt Staffelei

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Brigitta Borchert hat die digitale Technik für sich entdeckt. Eine einfache Notiz-Funktion reicht aus, um Kunst zu machen. shz.de zeigt die Künstlerin im Video.

shz.de von
erstellt am 17.Mai.2014 | 04:00 Uhr

Molfsee | Man sieht es oft im Restaurant, während man auf das Essen wartet. Kinder, die  ins Malen vertieft sind. Da Restaurantbesuche für sie oft langweilig sind, vertreiben sie sich so die Zeit. Das ist ja erstmal nichts Besonderes, doch in letzter Zeit malen Kinder seltener mit Stiften auf Papier, sondern immer öfter auf einem Tablet-Computer. Farbpartikel auf weißen Tischdecken, der Geruch von  Wachsmalern und bunte Finger gehören der Vergangenheit an. Ist das nun bedauerlich oder nicht?

Die 1940 geborene Malerin Brigitta Borchert  aus Molfsee bei Kiel sieht daran nichts Problematisches. Denn sie selbst hat das Zeichnen auf Smartphone oder Tablet für sich entdeckt.

Vor anderthalb Jahren brauchte sie ein neues Handy. Als sie sah, dass es ein Smartphone gibt, das man mit einem Stift bedienen kann, wollte sie es sofort haben, weil sie darauf neugierig war, was man damit machen kann. „Ich fand eine Notiz-Funktion und fing an, herumzuprobieren“, sagt Brigitta Borchert. Sie hat sich das Zeichnen auf Smartphone und Tablet selbst erobert, wie sie sagt. Da sie niemanden kenne, den sie um Rat fragen kann.

Auf ihrem Smartphone und später auch auf einem Tablet zeichnet Brigitta Borchert einfach drauflos. Weil es wenig Risiko gebe. Bei einem Aquarell zum Beispiel müsse man dagegen genau überlegen, welchen Farbauftrag man wann macht. Das ist hier nicht nötig. „Das befreit“, sagt die Malerin. Und wenn ein Strich doch daneben geht. Benutzt sie die Radierfunktion – aber sehr selten, wie sie sagt.

Das Zeichnen auf diese moderne Weise empfindet Brigitta Borchert als sehr praktisch, da keine große Vorbereitung nötig ist. Es müssten keine Farben zurecht gelegt und hinterher keine Pinsel ausgewaschen werden. Für die Künstlerin stellt das eine Erleichterung da.

An den dargestellten Personen und Szenarien merkt man, dass Brigitta Borchert in der Experimentierphase dieser neuen Technik ist. Es sind Verwandte wie ihr Mann oder Schwiegersohn und befreundete Kollegen oder Kunstexperten. Die vertrauten Personen geben ihr die Möglichkeit, sich im Schutz der Familie und des Freundeskreises auszuprobieren.

Birgitta Borchert wagt sich nun aber mit ihren Skizzen in die Öffentlichkeit. Dabei kommt, wenn sie die Zeichnungen ausdruckt, unweigerlich die Frage nach dem Original, dem Unikat, auf. Es ist schwer, darauf eine  endgültige  Antwort zu finden. Immerhin beschränkt Brigitta Borchert Anzahl der Drucke, so dass sie einen gewissen Wert erhalten, der Kaufpreise zwischen 250 und 350 Euro rechtfertigt. Und ganz wichtig: Letztendlich geht es um die Kreativität, die Brigitta Borchert ausgelebt hat, bevor der Drucker angestellt wurde. In den Kunstwerken stecken eine Idee, die Wahl des Motivs, der Perspektive und des Ausschnitts sowie ein Arbeitsprozess. Alles Schritte, die nicht jeder, sondern nur eine Künstlerin wie Brigitta Borchert machen kann.

Einen kunsthistorischen Vergleich zu ziehen, fällt derzeit noch schwer, da es Smartphones und Tablets bekanntermaßen noch nicht lange gibt. Aber es gibt einen Zeitgenossen, der es vorgemacht hat: Der britische Künstler David Hockney, bekannt für seinen Sprung in einen Swimmingpool unter dem Titel „A Bigger Splash“, malte erst auf seinem Smartphone, dann bekam er ein Tablet in die Hände und war begeistert.

Der Maler mag, dass das Tablet eine Funktion besitzt, mit der sich Arbeitsabläufe als Animation anzeigen lassen. So kann man genau sehen, welche Pinselstriche wann gemacht wurden, um die Zeichnungen zu schaffen. Für Hockney ist es wie für Brigitta Borchert ein Privileg, Kunstwerke mit Hilfe eines digitalen Werkzeugs schaffen zu können, weil man sich so Wasser, Farben und das lästige Wegräumen erspart. Und manchmal werde er so mitgerissen, dass er sich am Ende die Finger abwischt, weil er denke, es wäre Farbe daran.

Hockney wurde gefragt, ob die digitale Malerei die Zukunft der Kunst sei. Er  legt sich nicht fest. „Ich weiß nicht, in welche Richtung es sich entwickelt. Aber die Kunst wird da sein!“ Wie die meisten Menschen glaubt auch Hockney, dass diese Technologie die Welt der Medien unwiderruflich verändern wird. Doch Kunstwerke wie auch Musik, so der Brite, werde es immer geben. Nur die Mittel, mit denen man sie herstellt, würden sich verändern. Hockney kann sich sein Künstlerleben ohne Tablet nicht mehr vorstellen. „Picasso wäre verrückt danach gewesen“, ist sich der Künstler sicher.

Auch darin liegt ein wichtiger Punkt, warum diese Art der Kunst, ihren Wert hat. Künstler bringen Tradition und Fortschritt unter einen Hut. Mit der Kenntnis von alten Techniken und Gepflogenheiten sind sie immer offen für neue Entwicklungen. Sie schaffen so etwas Neues und sind auf diese Weise Inspiration für die Gesellschaft, wie nun Brigitta Borchert. Und alle haben ihren Spaß daran, wie die Künstlerin aus Molfsee.

Spaß ist eine wichtige Voraussetzung für Kreativität. Und damit ist es nicht bedauerlich, dass Kinder im Restaurant auf  einem Tablet zeichnen.

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