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Zehn Jahre „Tatort Kiel“ : Borowski und das Jubiläum

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Seit zehn Jahren stellt der Schauspieler Axel Milberg den eigenwilligen Kommissar im Kieler „Tatort“ dar. An diesem Wochenende ermittelt er im 22. Fall.

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erstellt am 28.Dez.2013 | 17:00 Uhr

Kiel | Eine Szene im neuen Kieler „Tatort“: Eine Frau schiebt eine als Rollstuhlfahrer getarnte Leiche die berüchtigte Party-Meile Bergstraße hinunter, um den Toten kurz darauf am Nord-Ostsee-Kanal ins Wasser zu kippen. Doch wer sich in Kiel auskennt, weiß, dass die Frau einerseits in die falsche Richtung läuft und andererseits einen weiten Weg in relativ kurzer Zeit zurücklegt. Bei der Premiere des neuen Kieler Krimis im Metro-Kino fragt deswegen auch eine Zuschauerin, wieso es immer wieder geografische Unstimmigkeiten im „Tatort“ gebe. Schauspieler Axel Milberg (57), der den Kommissar Klaus Borowski spielt, antwortet: „Nach einem Besuch in der Bergstraße hat man manchmal einen Filmriss, und dann kommt es vor, dass man sich im nächsten Moment am Kanal wiederfindet.“ Die Gäste im Saal lachen. Alle Kritik ist verflogen. Auch wenn die Frau mit der Leiche nicht feiern war, so spricht Milbergs schlagfertige Reaktion für seinen Witz und Charme.

Beides weiß der gebürtige Kieler Milberg als „Tatort“-Kommissar einzusetzen. Und im Gegensatz zur verdächtigen Frau hat er auch etwas zu feiern: Seit zehn Jahren ermittelt er nun schon als Klaus Borowski in Kiel. Auch wenn die Einschaltquote in den letzten zwei Jahren mit durchschnittlich 8,48 Millionen Zuschauer neben Folgen aus Münster oder Hamburg eher schlecht aussieht, kann Milberg durchaus zufrieden sein. In 21 Fällen war er mit 37 Todesfällen konfrontiert. Im ersten „Borowski“ musste der Fahnder im Jahr 2003 einen Polizistenmord aufklären, es folgten Einsätze auf einer Schwedenfähre, in der Kanalisation und im Umfeld der dänischen Minderheit. Selbstverständlich war er auch kurz davor, den legendären Barschel-Fall zu lösen.

Der Kieler Tatort ist dabei „ein Paradies bizarrer Verbrechen“, wie die verantwortliche NDR-Redakteurin Sabine Holtgreve sagt. „Das Spiel mit Horror- und Gruselelementen und der Blick in menschliche Abgründe sind typisch für den Kieler ,Tatort‘“. In seinem 22. Fall „Borowski und der Engel“ stellt sich der Ermittler nicht die Frage, warum Menschen morden, sondern warum viele Menschen nicht zu Mördern werden. Ob Borowski eine Antwort findet, ist morgen ab 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.

Hinter dem Erfolg des Kieler „Tatorts“ steckt harte Arbeit, dabei fing alles sehr entspannt an. Milberg erzählt die Legende, wie es zum Kieler „Tatort“ kam, immer wieder gerne: „Auf einem Flug saß ein mir bekannter Regisseur mit einem Drehbuch auf dem Schoß für den damals noch in Planung befindlichen ,Tatort‘ aus Münster neben mir. Kurz darauf machte ich Urlaub auf Mallorca und ein alter Freund aus Kiel rief mich an. Nach dem Gespräch legte ich mich in die Hängematte, und während ich in der Mittagshitze schlief, verbanden sich verschiedenste Dinge.“ Nach dem Aufwachen dachte der Schauspieler: „,Tatort‘, Kiel, Heimat.“ Milberg war bereits als Klaus Borowski in der Fernsehreihe „Stahlnetz – PSI“ in Hannover in Erscheinung getreten. „Den haben wir dann einfach nach Kiel verpflanzt“, sagt Milberg. Am 30. November 2003 sendete die ARD den „Tatort“ namens „Väter“. Die Kieler Fangemeinde war glücklich, hatte sie doch 25 Jahre auf einen „Tatort“ aus ihrer Stadt verzichten müssen (Kommissar Finke, gespielt von Klaus Schwarzkopf, war 1978 nach sieben Einsätzen in den Ruhestand gegangen).

Milberg wolle mit seinem Filmteam etwas über den Norden erzählen – „abgesehen von Seemannschören, Seehunde und Fischrezepten“. Insgesamt prägt Milberg den Kieler „Tatort“. So überredete er zum Beispiel den Schriftsteller Henning Mankell, Drehbücher für den Kieler Krimi zu schreiben, und holte mit der Darstellerin Sibel Kekilli ein bekanntes Gesicht an die Förde. Milberg überzeugt als Ideengbeer – und als Schauspieler. Drehbuchautor Sascha Arango sagt, Milberg spiele ihn nicht, er sei Borowski. „Er borowskisiert Bilder und ich denke bewundernd: Wenn ich das so geschrieben hätte“, schwärmt Arango.

In zehn Jahren hat sich dabei einiges verändert. Der Borowski-Charakter war zunächst als wortkarger Eigenbrödler angelegt worden. Und auch wenn das nicht für einen Sympathieträger spricht, kam der Ermittler beim Publikum gut an. Im Norden schloss man ihn als „einen von uns“ ins Herz, der Rest der Fernsehrepublik fühlte sich in ihrem Klischee, was sie von den Norddeutschen haben, bestätigt. Allerdings hat Borowski – auf Wunsch Milbergs – in zehn Jahren dann doch hin und wieder mal durchblitzen lassen, dass er über einen besonderen Charme verfügt. Besonders auf Frauen übt er damit eine Wirkung aus. Das ewige Flirten mit der Polizeipsychologin Frieda Jung (Maren Eggert) amüsierte Millionen Zuschauer.

Zehn Jahre Kieler „Tatort“: Axel Milberg hat auf jeden Fall noch nicht genug. Mit dem ihm eigenen Witz sagt er: „Wenn die Folge „Borowski und der Enkel“ heißt, dann höre ich auf.“

Doch auch wenn Milberg selbst nicht genug bekommen kann, so sieht er es skeptisch, dass mittlerweile fast jede größere Stadt einen „Tatort“ hat. „Ich warte noch auf den ,Tatort Mallorca‘“, sagte Milberg kürzlich in einem „Spiegel“-Interview, „das ist das einzige Bundesland, in dem bisher nicht ermittelt wird.“ Wer weiß, vielleicht wird seine Figur Kommissar Borowski zukünftig in einem Urlaub auf der Mittelmeerinsel in einen Mordfall verwickelt. Dort, wo alles mit einem Geistesblitz nach einem Mittagsschlaf in einer Hängematte angefangen hat.

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