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Zum Tode von Günter Grass : Björn Engholm lobt eine schwierige Beziehung

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Im Interview erinnert der ehemalige Ministerpräsident aus SH an sein persönliches Verhältnis zu Günter Grass.

Herr Engholm, Günter Grass und seine SPD – wie würden Sie diese Beziehung zusammenfassen?
Das war eine ebenso gespannte wie herzliche Beziehung.

Das gilt sicherlich auch für Ihr persönliches Verhältnis zu Grass. Welche Erinnerungen haben Sie an ihn?
Günter Grass war, als wir noch erheblich jünger waren und in die Politik eingestiegen sind, der unersetzliche Anreger und Mahner für uns. Er hat uns davor bewahrt, zu frühzeitig in Pragmatismus zu verfallen. Und er war jemand, der immer weit gefasste Ziele, Hoffnungen, Visionen und gelegentlich auch Illusionen einbrachte. Das war, wenn ich zurückdenke, unersetzlich.

Auf die öffentliche Kritik, die er in Ihre Richtung geäußert hat, hätten Sie aber gewiss verzichten können.
Wir haben uns ja wegen einiger Fragen heftig gestritten – und auch zerstritten. Es ging dabei um die Asylfrage und die Wiedervereinigung, wo er Ziele hatte, die wir im politischen Alltag einfach nicht umsetzen konnten. Er war sehr unnachsichtig, nicht nur mit seinen Gegnern, sondern auch mit seinen Freunden.

Sie haben trotzdem seinen Rat gesucht?
Wir haben viele Jahre eng und vertraut miteinander gearbeitet, haben die „Wewelsflether Gespräche“ initiiert, die es bis heute gibt. Er hat mir immer gesagt, dass meine Sprache und Wortkunst besser werden müssen. Ich habe viel von ihm gelernt, aber er hat manchmal den Bogen auch überspannt. Da war Günter dann jenseits von politischem Pragmatismus. Wir haben uns deshalb richtig gefetzt.

Wie war Ihr Verhältnis in den vergangenen Jahren?
Wir haben uns gelegentlich gesehen und freundlich begrüßt, aber der alte Draht ist irgendwann abgerissen. Er war in manchen Dingen ein richtiger Trotz- und Starrkopf, damit muss man als Betroffener umgehen können.

Glauben Sie, dass die Erinnerung an den politischen Streiter im Vergleich zum Literaten verblassen wird?
Was von Günter Grass zentral in der Erinnerung bleiben wird, ist seine Leistung als Erzähler, Romancier und Dramatiker; ein berechtigter Nobelpreisträger mit einer Fabulierkunst, wie man sie in der Literaturgeschichte lange suchen muss. In der Politik war er ein Aufklärer, ein Mahner, der Sozialdemokratie immer jenseits des Alltags definiert hat. Auch diese große Linie wird bleiben.

Fehlen der heutigen SPD intellektuelle Unterstützer wie Grass?
Nicht nur der SPD, aber den Sozialdemokraten fehlen sie besonders.

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erstellt am 13.Apr.2015 | 18:51 Uhr

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