Öffentliche Büchereien : Bibliotheken ohne Zukunft

Die Not der öffentlichen Büchereien ist nicht nur eine Frage von Subventionen, sie zeigt auch, wie rückwärts gewandt viele noch arbeiten.

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12. März 2011, 10:08 Uhr

kiel | Schleswig-Holstein sieht sich selbst gerne als Leseland. Immer noch wird die Legende vom vorbildlichen, nach den Regeln der Solidargemeinschaft geführten Bibliotheksnetzes großer, kleiner und kleinster Büchereien von Politikern wie Bibliotheksfunktionären fortgeschrieben. Aber sie ist rückwärts gewandt.
Der 12. Platz im aktuellen Bundesländer-Ranking zur Lesekompetenz, hintere Plätze beim Reformierungsprozess im Anschluss an die beschämenden PISA-Ergebnisse, geringe Buchkäufe der Bevölkerung, einige Büchereien noch ohne EDV-Verbuchung, interaktive Website oder WLAN und Twitter/Facebook - dazu immer wieder Spardebatten mit verheerenden Folgen für die Innovationsfähigkeit und Wirkungskraft der öffentlichen Bibliotheken, strafen alle Sonntagsreden von Politikern, aber auch die populistischen Sympathie-Kundgebungen für den bedingungslosen Erhalt jeder Bücherei Lügen. Für die zirka 125 von der Büchereizentrale Schleswig-Holstein aufgeführten, hauptamtlich geleiteten öffentlichen Bibliotheken vom Speckgürtel um Hamburg und bis zur dänischen Grenze muss sich etwas ändern.
Ressourcen für den Erfolg
Erfolgreiche öffentliche Bibliotheken - und auch sie gibt es in Schleswig-Holstein, so zum Beispiel in Itzehoe - sind hoch technisierte Schaltstellen der Information und Kultur, sie besitzen belastbare Kenntnisse über die Milieus, für die sie tätig sind, und betreiben wie jedes Unternehmen ein transparentes Leistungscontrolling und enge Absprachen mit den verantwortlichen politischen Gremien. Das gilt - wie der bundesweit gültige Gehaltstarif - für Bibliotheken in jeder Ortsgröße: Hamburg, München, Buxtehude, Neumünster, Bad Oldesloe, Kropp und Glücksburg.
Im Zeitalter des digitalisierten Datentransfers ist die pure Existenz einer Bibliothek auf dem Lande nur dann ein "Standort-Vorteil", wenn sie die international gültigen Qualitätsstandards erfüllt, die in Kenntnis der Realität und mit praktischer Erfahrung entwickelt worden sind. Wer nicht als voll vernetzte Informations-Agentur arbeitet und wer nicht besser ist als Computer und Bücherregal zu Hause, wird es schwer haben, mit der Versorgung von Kindern und nicht mobilen älteren Mitbürgern zu punkten. Wer seinen Medienbestand nicht mindestens vier Mal pro Jahr in Ausleihen umsetzt und keinen Ausgleich in Service-Leistungen (Veranstaltungen, Kooperation, digitalen Zugriffe, die Bücherei als viel benutzter öffentlicher Raum) aufweisen kann, hat ein Problem. Für den Erfolg benötigen Bibliotheken finanzielle und personelle Ressourcen, Räume, Ausstattung, hybride Zugangswege (Access), politische Akzeptanz und ein individuelles Profil. Allzu oft erlebt man, dass die Verantwortlichen in politischen Gremien, aber auch einige Bibliothekare und ein beträchtlicher Teil der Förderer der Bibliotheken abwinken, wenn diese Begriffe fallen. Das ist nicht die Sprache, in der hierzulande über Bibliotheken geredet wird, das ist nicht die Bibliothek, für die man gegen die böse Politik kämpfen und ehrenamtlich tätig sein will, das sind nicht die Stichworte lokaler Planungsideen - das beschreibt allerdings die Eckpfeiler jeder Bibliothek mit Zukunft.
Anklagen nicht zielgenau
Mit dem Büchereiverein Schleswig-Holstein, dem Dienstleistungszentrum der Büchereizentrale Schleswig-Holstein in Flensburg und Rendsburg, mit Bibliotheks-Ausschüssen vor Ort, der Unterstützung von Freundeskreisen und ehrenamtlichen Helfern und nicht zuletzt mit der noch nicht ganz verschütteten Aussicht auf ein Bibliotheksgesetz des Landes Schleswig-Holstein sind die einzelnen Bibliotheken in ein professionell installiertes Planung- und Führungs-System eingebunden. Zur Optimierung der Bibliotheks-Landschaft Schleswig-Holstein mit ihren historischen und aktuellen Besonderheiten konnte es allerdings - wohl nicht nur aus Finanznot - in den letzten Jahren wenig beitragen. Es ist nicht nur für den Steuern zahlenden Bürger in dieser Situation der gestaffelten Verantwortlichkeit flacher Hierarchien schwer auszumachen, woher - wenn nicht durch selbstmörderische Einzelinitiativen - die dringend notwendigen Innovationen in den einzelnen Büchereien kommen sollen, wer sie vorwärts treibt, wer sie bezahlt, wer sie kontrolliert.
Daher sind auch die Anklagen und Schuldzuweisungen an einen der Geld gebenden Vertragspartner - wie aktuell den Kreis Schleswig-Flensburg - so verständlich sie sein mögen, nicht ganz zielgenau. Denn hier wird zwar aktuell über Einsparungen, grundsätzlich aber über Verantwortlichkeiten entschieden. Und bei der Festlegung von Verantwortlichkeit, der Übereinstimmung von Zielsetzung, Planung und Realisierung leistungsstarker öffentlicher Bibliotheken in Schleswig-Holstein werden alle Zukunftsplanungen beginnen müssen.
Die Autorin: Prof. Dipl.-Bibl. Birgit Dankert arbeitete von 1971-1981 in der Büchereizentrale Flensburg, bildete danach 30 Jahre lang Bibliothekare an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg aus. Sie ist Vorsitzende der "Gesellschaft der Freunde der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg".

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