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Kinderbuch-Autorin aus Schweden : Astrid Lindgrens Kriegstagebücher

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Hitler, Geheimdienst und Pippi Langstrumpf – die weltberühmte Kinderbuchautorin legt ein unvergleichliches Zeitdokument vor

Vimmerby/Hamburg | Nach Vimmerby im schwedischen Småland zu reisen, ist ein wenig wie eine Reise in die eigene Kindheit. Zumindest wenn man die Geschichten von Astrid Lindgren gelesen hat. Auf dem Marktplatz hat Michel aus Lönneberga sich einst unter die Pferdehändler gemischt.

Heute stehen dort ein riesiges Kletterschiff, Pippis „Hoppetosse“ und drei rot-weiß gestrichene Spielhäuser, die Höfe von Bullerbü. Vimmerby ist der Geburtsort von Astrid Lindgren. Ein Städtchen mit gerade mal 7000 Einwohnern. Und 800.000 Gästen im Jahr, viele davon auf der Suche nach den Spuren ihrer Lieblingshelden.

In diesem Jahr aber ist etwas anders in Vimmerby. Vor dem Geburtshaus der Autorin, dem Hof Näs, weisen Plakate auf eine Ausstellung hin: „Die Welt brennt.“ Nichts für Kinder. Hier geht es um Astrid Lindgrens Kriegstagebücher, die auch auf Deutsch erschienen sind. „Unglaublich nah kommt man Astrid Lindgren darin“, sagt Nils Magnus Angantyr, Leiter des Kulturzentrums. „Besonders wertvoll machen die Tagebücher aber auch die vielen Details darüber, wie kompliziert das Leben im Zweiten Weltkrieg für eine normale Familie war.“

Astrid Lindgren: Arbeit für den schwedischen Geheimdienst

Als Astrid im September 1939 anfängt Kriegstagebuch zu schreiben, da ist sie Hausfrau. 32 Jahre alt, zwei Kinder, gelernte Sekretärin. Interessiert an der Welt – und zutiefst niedergeschlagen bei ihrem ersten Eintrag: „Heute hat der Krieg begonnen. Niemand wollte es glauben.“ Was folgt ist ein unvergleichliches Zeitdokument, aufgeschrieben in 17 rot-braunen Lederkladden. Es zeigt Astrid Lindgren mitten im Kriegsalltag.

Astrid Lindgren fürchtet sich vor dem Faschismus, aber noch mehr vor dem Bolschewismus. Akribisch notiert sie Kriegshandlungen und beklagt ihre Ohnmacht: „Schade, dass niemand diesen Hitler erschießt.“ Karin Nyman, Astrid Lindgrens Tochter, interpretiert die Kriegstagebücher ihrer Mutter auch als Therapie, um die schmerzlichen Ereignisse besser ertragen zu können. „Und sie wollte sich erinnern können.“

Astrid Lindgren weiß mehr über den Krieg als viele Schweden. Denn kurz nach Kriegsbeginn erschließt sie sich eine besondere Quelle. Ab 1940 arbeitet Lindgren für den schwedischen Geheimdienst, ihre „Drecksarbeit“ – wie sie sagt.

Pippi Langstrumpf: Produkt aus Lindgrens Kriegserfahrungen

Ihre Aufgabe ist es, Briefe zu öffnen und militärtaktisch wichtige Informationen auszuwerten. Dabei erfährt sie von schlimmen Gräueltaten, von Deportationen, Konzentrationslagern.

Ihre Arbeit unterliegt der Geheimhaltung. Doch besonders bewegende Briefe tippt sie ab, etwa den einer gefolterten Frau: „Was dann passierte, weiß ich nicht mehr deutlich, nur, dass ich merkte, wie mein Mund zitterte und wie die Tränen lautlos in das Tuch sickerten, das sie mir um den Kopf gebunden hatten.“

In den Kriegstagebüchern dokumentiert Astrid Lindgren das völlige Versagen der Machthaber. Wie ein roter Faden zieht sich auch ihr Mitgefühl für Kinder durch die Aufzeichnungen: „Die schrecklichen Bombenangriffe in Deutschland gehen weiter; bei den Schilderungen aus Hamburg muss man weinen, unfassbar, dass es dort noch Kinder gibt, es ist herzzerreißend.“ Auch das ist die Grundlage für ihre weltbekannte Schöpfung: Pippi Langstrumpf.

Spott für Hitler, Mussoloni und Stalin

Im April 1944 macht Astrid Lindgren sich daran, die Geschichte von Pippi Langstrumpf aufzuschreiben. Pippi teilt das Schicksal vieler Kriegskinder; der Vater verschollen, die Mutter tot. Doch das stärkste Mädchen der Welt lebt völlig unabhängig, reich, stark und unbeeindruckt von Autoritäten.

Aus den Kriegstagebüchern geht hervor, wie groß Astrid Lindgrens Angst vor den Machthabern war. Und doch macht auch sie sich lustig über sie. Hitler nennt sie „klein und süß“. Mussolini erhält von ihr den Spitznamen „Musse“. Hitler, Mussolini und Stalin nennt sie „die drei Kerle“, mehrfach bezeichnet sie den Krieg als „Keilerei“. Und Pippi? Leistet Widerstand. Sie beschützt die Kleinen vor den Raufbolden. Kein Zufall, dass Pippi im Zirkus den „schdarken Adolf“ auf die Matte legt.

Wie die Geschichte mit „Pippi Langstrumpf“ ausgeht ist bekannt. Veröffentlicht am 26. November 1945 macht Pippi ihre Schöpferin Astrid Lindgren zur gefeierten Autorin. Die Kriegstagebücher enden Silvester 1945: „Ich wünsche mir selber ein gutes Neues Jahr! Mir und den Meinen! Und möglichst auch der ganzen Welt, aber das ist vermutlich zu viel verlangt.“ Dann verstaut Astrid Lindgren ihre Kladden in einem typisch smaländischen Körbchen, wo sie jahrzehntelang ruhen sollten.





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erstellt am 11.Nov.2015 | 12:22 Uhr

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