Herkunft außereuropäischer Sammlung : Asiatische Kunst aus jüdischem Besitz

Gestohlen oder unter Druck in der Nazi-Zeit verkauft? Das Museum für Kunst und Gewerbe untersucht Gegenstände aus dem außereuropäischen Raum auf ihre Herkunft.

Avatar_shz von
03. Januar 2011, 08:38 Uhr

Hamburg | Die weiße China-Schale aus Ting-Yao Porzellan der Song-Zeit (12. bis 13. Jahrhundert) hat eine wechselvolle Geschichte. Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe bekam sie von der Hamburger Zigaretten-Unternehmerfamilie Reemtsma geschenkt. Diese wiederum hatte sie während der NS-Zeit 1936 bei der Auktion der Sammlung der Berliner Mäzenin Margarete Oppenheim erworben. Oppenheim entstammte einer jüdischen Familie. Musste sie daher die Schale unter Druck billig verkaufen?
Ob Kunstwerke wie die Ting-Yao-Schale im Museum für Kunst und Gewerbe verbleiben dürfen oder an die Erben zurückgegeben werden sollten, untersucht derzeit die Hamburger Kunsthistorikerin Silke Reuther. Mit ihrer Arbeit betritt sie in der Bundesrepublik Neuland. Zahlreiche Museen wie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Hamburger Kunsthalle, das Frankfurter Städel oder die Bayerische Staatsgemäldesammlungen untersuchen zum Teil seit über zehn Jahren die Herkunft ihrer Gemälde mit Hilfe der Provenienzforschung. Hintergrund dieser Forschung ist die 1998 unterzeichnete "Washingtoner Erklärung". Darin verpflichten sich öffentliche Museen, in ihren Beständen Kunstwerke ausfindig zu machen, die während der NS-Zeit beschlagnahmt oder unter dem Druck der Verfolgung unter Wert verkauft wurden. 44 Staaten haben die Erklärung unterzeichnet, darunter auch Deutschland. Die Untersuchung einer Asiatika-Sammlung unter diesem Blickwinkel ist dagegen neu.
Ermittlungen zu Verkaufsumständen sind schwierig
Angekauft wurde die asiatische Sammlung von Philipp F. Reemtsma in der Zeit von 1934 bis 1940. Die rund 300 Objekte aus Bronze, Keramik und Glas sollten die neue Villa in Hamburg-Othmarschen dekorieren. Nach Reemtsmas Tod 1959 verblieb die Sammlung im Familienbesitz, wurde 1974 an das Museum für Kunst und Gewerbe ausgeliehen und ihm 1996 nach dem Tod von Ehefrau Gertrud Reemtsma übereignet.
Soviel ist bekannt, aber die Ermittlung der Verkaufsumstände während der nationalsozialistischen Diktatur ist schwierig. Auch weil die chinesischen Gefäße meist in Serie hergestellt wurden. Silke Reuther hat deshalb Auktionskataloge gewälzt und Berge von Akten in Berliner Archiven durchforstet. Anwaltsschreiben können ebenso Aufschluss über die Herkunft geben wie Bestandslisten von Kunsthändlern. Etwa ein Drittel der Asiatika-Sammlung von Reemtsma hat Silke Reuther nach sechs Monaten bearbeitet. Ein Jahr Zeit bleibt ihr noch. Am Ende werden dennoch sehr viele Fragen offen bleiben, sagt sie.
Die weiße Porzellanschale aus der Sung-Zeit zumindest wird auch künftig im Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen sein. Ihre Vorbesitzerin Margarete Oppenheim war 1935 im Alter von 78 Jahren eines natürlichen Todes gestorben. In ihrem Testament hatte sie verfügt, dass die Sammlung nach ihrem Tod verkauft werden soll. Der Erlös ging an die Erben. "Auch während der Nazi-Zeit hat es ganz normalen Kunsthandel gegeben", sagt Reuther.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen