Unwort des Jahres : Alternativlos im Wutbürger-Land

Wort und Unwort des Jahres - was bedeuten sie für die Deutsche Sprache, fragt sich Kulturredakteur Martin Schulte.

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22. Januar 2011, 11:29 Uhr

Die Deutschen werden weltweit für die Produkte ihrer Sprache gelobt, für ihre Romane und Gedichte, ihre umfangreichen Gebrauchsanweisungen, die Vielfalt behördlicher Begriffe für einen einzigen Vorgang. Die Sprache selbst aber, - der Klang, die Grammatik und das Vokabular - so hört man immer wieder, sei dagegen nur schwer erträglich. Selbst deutsche Dichter haben es nicht immer leicht mit ihrem Handwerkszeug: "Und als ich die deutsche Sprache vernahm, da ward mir seltsam zu Mute", hat das Sprachgenie Heinrich Heine einst bekannt.
Dabei musste sich der arme Heine nicht einmal mit Unwörtern herumplagen. Die rückten erst anderthalb Jahrhunderte nach Heine in die öffentliche Wahrnehmung, als sich die Gesellschaft für deutsche Sprache zum Ziel setzte, die schlimmste Ausgeburt des deutschen Sprachgebrauchs, den dicksten Brocken aus dem gesellschaftlichen und politischen Unsinn, der innerhalb eines Jahres gesprochen wird, herauszufischen und als Unwort des Jahres an den öffentlichen Pranger zu stellen.
Rentnerschwemme, betriebsratsverseucht, Humankapital
Aber was ist eigentlich ein Unwort? Begriffe wie Unfall, Unterricht und Unna dürfen - obwohl naheliegend - nicht dieser Kategorie zugerechnet werden. Ein Unwort ist vielmehr ein unschönes, ein ungeliebtes und deshalb unerwünschtes Wort. Wörter wie Rentnerschwemme, betriebsratsverseucht, Humankapital oder, wie in diesem Jahr, alternativlos. Der Kanzlerin wird zwar nicht die Schöpfung, wohl aber der Missbrauch dieses eigentlich harmlosen Wortes vorgeworfen. Griechenlandhilfe? Alternativlos. Banken-Rettung? Alternativlos. Schwarz-Gelb? Alternativlos. Westerwelle? Sie wissen schon. Damit, so befand die Gesellschaft für deutsche Sprache, habe Frau Merkel dem Wort und der Nation großen Schaden zugefügt.
Interessanterweise kürt die Gesellschaft für deutsche Sprache aber nicht nur das Unwort, sondern auch das Wort des Jahres. Gewinner diesmal: Wutbürger. Dieser Begriff, und jetzt wird es kompliziert, war auch ein Favorit auf den Titel des Unwortes. Das hatte es zuvor noch nie gegeben und hätte nicht nur den Sinn der Wort-Unwort-Wettbewerbe, sondern wohl auch der Gesellschaft für deutsche Sprache in Frage gestellt.
Solange sich aber die Unworte und Worte des Jahres lediglich annähern, landet man am Ende immer wieder bei der Ausgangs-Erkenntnis: Die deutsche Sprache ist mitunter seltsam - und für die 80 Millionen direkt betroffenen Wutbürger leider auch alternativlos.

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