Horst Janssen : "Alkohol war sein Feind Nummer Eins"

Begnadeter Zeichner: Horst Janssen.
Begnadeter Zeichner: Horst Janssen.

Der Kunsthistoriker Thomas Gädeke über seine Begegnungen mit dem Zeichner und Grafiker Horst Janssen, der heute 80 Jahre alt geworden wäre.

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14. November 2009, 09:27 Uhr

Herr Gädeke, welches ist die prägendste Erinnerung, die Sie an Horst Janssen haben?
Das ist ein Besuch bei ihm, in seinem Haus und Atelier im Mühlenberger Weg in Hamburg-Blankenese. Janssen hatte morgens um vier Uhr bei mir in Schleswig angerufen und diesen eingefordert.

Und Sie sind gleich gefahren?
Ja, gemeinsam mit meiner Frau. Wir waren morgens um acht da. Janssen hatte ein großes Rede-Bedürfnis, er hat den ganzen Tag über Monologe gehalten, uns Bücher von sich mit Signaturen oder Zeichnungen zum Geschenk gemacht. Und er hat sehr viel über seinen Alkoholismus gesprochen, wie schlimm der sei und dass es nur eine Leidenschaft gebe, die seinen Drang zur Flasche übertreffe und das sei der Drang zum Zeichnen.

Wie machte sich sein Alkoholismus bemerkbar?
Er war Quartalssäufer und fühlte sich immer ausgezeichnet, wenn er den Alkoholismus, diesen Feind Nummer Eins, wie er ihn nannte, auf Zeit besiegen konnte. Wenn er trank, wuchs sein Zynismus gegenüber anderen Menschen, er sagte dann Sätze wie: "Ich saufe mich auf euer Niveau runter." Bemerkenswert ist aber, dass er es immer wieder aus diesen Tälern rausgeschafft hat, hin zu intensiven Arbeiten, die ihn seelisch und physisch sehr gefordert haben.

Er soll sich unter Alkoholeinfluss von einem mitfühlenden zu einem sehr rohen Menschen verwandelt haben...
Das war reiner Selbstschutz. Janssen war eigentlich sehr mitfühlend. Aber er wusste genau, dass er sich schützen muss vor den vielen Menschen, die Freundschaft heucheln und nur etwas von ihm wollen. Er hatte Sorge, dass er deshalb sein Lebenswerk nicht schafft. Also hat er sich abgeschottet, auch auf eine sehr rüde Weise.

War er Ihnen gegenüber mal rüde?
Nein, rüde nicht, aber unzuverlässig. Er war Pate meines ältesten Sohnes Robert und ist dann zur Taufe nicht erschienen, hat sich aber auch nicht getraut, selbst abzusagen. Das musste eine vertraute Freundin machen.

Waren der Mensch und der Künstler Horst Janssen sehr unterschiedlich?
Das kann man kaum trennen. Er war ein eitler Mensch, versteckte das aber hinter einer großen Lust zur Hässlichkeit in seinen Selbstporträts. Und er hat immer das unerbittlich schauende Auge beschworen, dessen Ergebnisse er in seiner Kunst wiedergegeben hat. Er stand damit eigentlich seiner Zeit entgegen, denn in den 50ern, als er mit dem Zeichnen anfing, ging es in der Kunst eher um die Imagination, das Abstrakte, die Umformung.

Es fällt auf, dass Frauen ein starker Motor für seine Arbeit waren…
Das stimmt, aber da ist er kein Einzelfall in der Kunstgeschichte. Er hat immer seine Musen gebraucht, für die Arbeit und das Private. Frauen, die ihn aber auch herausfordern mussten. Da gibt es übrigens eine schöne Geschichte, ein Blatt, auf dem "für Jeanette Berlü" steht. Diese Jeanette Berlü gab es aber nie, der Name ist ein Anagramm von "für Rubel", es ging also nur ums Geld.

Er wusste demnach genau, wie er seine Werke vermarkten musste?
Dabei ging es ihm weniger um die Vermarktung, als um eine Selbstüberlistung. Der Verkauf lief ohnehin immer gut, über die Händler, die zu ihm kamen und ihm dann Bargeld daließen für seine Sachen.

Bilder gab es nur gegen Bargeld?
Genau. Janssen hat sein Geld in einer Zigarrenkiste aufbewahrt. Er hatte kein Konto und hat auch keine Steuern bezahlt. Irgendwann ist das Finanzamt gekommen und hat ihm eine gewaltige Nachzahlung aufgedrückt. Dann hat er lange geflucht und eine Grafikserie gemacht, auf der stand: Das ist nur für die Halsabschneider vom Finanzamt.

Janssen war ungemein produktiv, sein Lebenswerk umfasst mehr als 20 000 Zeichnungen und Aquarelle und ungefähr 3000 Radierungen. Woraus resultierte dieser Antrieb?
Aus der Lust am Zeichnen, am durchdringenden Erkennen der Natur und dem Schauen in Abgründe. Mit seiner Arbeit konnte er im Prinzip auch ständig selbst Geld herstellen. Etwa, indem er im Restaurant auf die Serviette zeichnete und damit die Rechnung für den ganzen Tisch bezahlte. Ich war selbst dabei, als er seiner damaligen Freundin sagte: "Gib mal ein Blatt Papier, wir zeichnen jetzt die Miete."

Und er wusste, seine Berühmtheit auch gegenüber Frauen einzusetzen?
Ja, am Ende seines Lebens, als er aus gesundheitlichen Gründen und wegen des Alkohols kaum noch sein Haus verließ. Da hat er sich dann die Damenbekanntschaften aus der Fanpost gewählt. Mit einer älteren, vertrauten Freundin besprach er, wen man nehmen könnte und dieses Mädchen wurde dann mit schönen Zeichnungen umworben. Das war wie aus einem Versandhauskatalog und hat meistens funktioniert, auch wenn ich nicht glaube, dass er glücklich damit war.

Auch Schloss Gottorf hat einen großen Nutzen aus Janssen gezogen, durch die Blätter, die er kostenlos der Stiftung hat zukommen lassen. Bestand nicht die Gefahr, dass man zu unkritisch mit ihm umgeht?
Nein, er war zu intelligent, um Schmeicheleien zu erwarten. Im Gegenteil, er hat uns mit seiner Gunst immer wieder überrascht. Und wir haben damals auch viel von ihm angekauft, um zu zeigen, dass wir nicht nur auf Geschenke warten. So ist Horst Janssens Mausoleum aus Papier, wie er selbst die Verbindung zu Gottorf immer nannte, gewachsen.

Und wenn er Aufmerksamkeit einforderte, etwa nachts angerufen hat, war da nie der Reflex: Lass mich in Ruhe?
Nein, so häufig ist das bei uns auch nicht passiert. Eher in seiner engsten Umgebung, in der Janssen übrigens die Menschen, die ihm richtig wichtig waren, gesiezt hat. Insofern brauchte man sich nicht viel darauf einzubilden, wenn man von ihm geduzt wurde. Hartmut Frielinghaus etwa, sein Meisterdrucker, der wurde gesiezt, aber auch ständig nachts mit Anrufen malträtiert. Einmal rief er in den Hörer: "Herr Janssen, lassen Sie mich schlafen. Ich gebe auch die Millionen zurück, die ich Ihnen verdanke. Ich kann nicht mehr."

Haben Sie sich mit Horst Janssen gesiezt oder geduzt?
Geduzt, zum "Sie" bin ich nie aufgestiegen. Dafür habe ich besser geschlafen als andere.

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