zur Navigation springen

Dänische Fernsehserie „1864“ : Acht Stunden Krieg bei Düppel

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die teuerste dänische Fernsehproduktion aller Zeiten erzählt die Geschichte des deutsch-dänischen Krieges von 1864. Es ist noch immer ein nationales Trauma: Die dänischen Truppen unterliegen auf den Düppeler Schanzen den preußischen und österreichischen Armeen.

shz.de von
erstellt am 26.Okt.2013 | 14:29 Uhr

Fünen | Die Toten haben es nicht leicht. Sie müssen still liegen, während die Mücken sie umschwirren und ihnen von unten, aus dem Herbstboden, die Kälte in die Knochen kriecht. Fast eine Stunde lang verharren die gefallenen Soldaten auf ihren blutigen Leichentüchern, bis alles perfekt ist und das letzte Mal „Cut“ an diesem frühen Oktoberabend über die Lichtung hallt. Fünf Einstellungen sind im Kasten – die Leichen werden wieder lebendig und entsteigen dem Massengrab.

Es ist eine der letzten Szenen der gewaltigen Fernsehproduktion „1864“, die in dem Örtchen Otterup im Norden der dänischen Insel Fünen gedreht wird. Eine kurze Impression lediglich, ein Augenblick, der nur einige wenige Sekunden in der acht Stunden dauernden Geschichte ausmacht, aber auch dieses Bild muss den Ansprüchen des Projekts genügen.

„1864“ soll das größte und eindrucksvollste Serienereignis der dänischen Fernsehgeschichte werden – das teuerste und wohl auch meistdiskutierte ist es schon jetzt. Acht Serienteile werden im Herbst 2014 im öffentlich-rechtlichen Sender Danmarks Radio (DR) gezeigt, achtmal eine Stunde historisches TV-Drama auf Kinoniveau. Fast 25 Millionen Euro kostet die Serie insgesamt, die teuerste dänische TV-Produktion, die jemals gedreht wurde.

Schmerzvolle Niederlage

Erzählt wird die Geschichte eines nationalen Traumas, eine der schmerzvollsten Niederlagen, die Dänemark je erfahren hat: Am 18. April 1864 unterlagen die dänischen Truppen auf den Düppeler Schanzen den preußischen und österreichischen Armeen. Damals verlor Dänemark nicht nur einen Krieg, sondern auch das Bewusstsein der äußeren Stärke. Die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg waren der geografische Preis dieser Niederlage, der Verlust vieler junger Männer der gesellschaftliche. Männer, so jung wie jene, die gerade frierend in ihren Turnschuhen und Baumwollhemden dastehen und versuchen, sich nach ihrem Statisteneinsatz als Tote wieder aufzuwärmen. „Viele Familien in Dänemark sind bis heute eng mit diesem Krieg verbunden. Man findet kaum jemanden, der nicht einen Vorfahren hatte, der in Düppel gekämpft hat oder auf andere Art und Weise mit diesem Krieg verbunden war“, sagt Produzent Peter Bose. Er hat das Geld für die Serie eingesammelt, darunter auch die 13 Millionen Euro, die direkt vom dänischen Kulturministerium kommen und vom dänischen Parlament in Kopenhagen bewilligt werden mussten. „Das Thema Düppel hat bis heute große Bedeutung für die Menschen in Dänemark, deshalb auch dieser außergewöhnlich hohe Etat“, sagt Bose, der mit seiner Produktionsfirma Miso Film, die unter anderem mit den Wallander-Filmen bekannt geworden ist, in Kopenhagen nicht weit weg vom Parlament residiert.

Vermarktung in Europa

Bose war vor ein paar Tagen in Cannes, wo die größte Fernsehmesse der Welt stattgefunden hat. Es gab einige Interessenten aus dem europäischen Ausland, die „1864“ kaufen wollten. Bereits unterschrieben sind die Verträge mit den Benelux-Ländern, Norwegen, Schweden und Deutschland. Auf Arte wird „1864“ voraussichtlich im Frühjahr 2015 gezeigt, das ZDF, das sich ebenfalls die Rechte gesichert hat, kann noch keinen Sendetermin nennen. Die Begeisterung bei den deutschen Sendern für das Projekt ist nicht so groß wie auf dänischer Seite erwartet; Produzent Peter Bose gibt zu, „dass wir mit einem größeren Interesse gerechnet hatten“.

Immerhin waren es Dänen und Deutsche, die sich vor 150 Jahren in der Schlacht gegenüberstanden, aber während dieses Jubiläum im kommenden Jahr auf dänischer Seite große Resonanz erfahren wird, beschränkt sich die Wirkung jenseits der Grenze vornehmlich auf Schleswig-Holstein.

Vielleicht wird die Serie ihren Teil dazu beitragen, das zu ändern. Sie basiert auf dem Buch „Schlachtbank Düppel“ von Tom Buk-Swienty, das in Dänemark ein Bestseller war. Regisseur Ole Bornedal hat auf der Grundlage von Buk-Swientys Sachbuch die Geschichte von „1864“ entwickelt.

400 Seiten, die die Geschichte zweier Brüder erzählen, 400 Seiten Liebe und Verrat, Krieg und Versöhnung. Ein Historiendrama, das nicht nur wegen der Erzählperspektive und der verschiedenen Handlungsstränge, sondern auch wegen der eindrucksvollen Bilder an die deutsche Weltkriegsserie „Unsere Mütter, unsere Väter“ erinnert. „Es ist eine Herausforderung, diese Geschichte vor dem historischen Hintergrund so zu erzählen, dass sie modern genug ist“, sagt Bornedal. Wie in vielen großen Dramen geht es auch um die Liebe; Fernsehen zur besten Sendezeit darf nicht nur Schlachten und Politik zeigen, es muss auch etwas für das Herz bieten und für das Auge. Eine Dreiecksgeschichte zum Beispiel, die sich zwischen zwei jungen Brüdern und einem hübschen Mädchen entspinnt und noch dazu in den blühenden Landschaften Fünens spielt. Der pathetische Untertitel „Herzen bluten in Liebe und Krieg“ gibt einen Vorgeschmack.

Drill im falschen Regen

Die Schönheit Fünens ist auch an diesem Drehtag sichtbar, das gelbe Laub der Buchen auf dem Gut Egebjerggaard leuchtet vor einem blauen Herbsthimmel, einige wenige Wolken ziehen träge in Richtung Meer. Nur ein Trupp dänischer Soldaten steht vor den Ställen des Gutes im strömenden Regen, die Schultern hängen, der schwere, blaue Stoff der Uniformen klebt an den Körpern der Schauspieler. Der Regen fällt eher kleinflächig, er kommt aus einer dreiarmigen Sprenkel-Anlage, die an einem Kran unter der warmen Herbstsonne hängt. Im Regen wirkt der Soldatendrill dramatischer, und um dramatische Bilder geht es natürlich, wenn die Geschichte von der Schlacht bei Düppel erzählt wird. Regisseur Bornedal geht zwischen den Soldaten umher und gibt Anweisungen – wo sie stehen und wie sie sich bewegen sollen. Die Produktion neigt sich ihrem Ende zu, der Drehplan ist eng, die Zeit drängt.

Bornedal sieht müde aus nach rund 120 Drehtagen. Verspürt er Druck wegen der Kosten? „Nein, überhaupt nicht. Film kostet nun einmal Geld.“ Das stimmt – und trotzdem ist diese Serie ein wirtschaftliches Wagnis. In Dänemark allein lassen sich die Produktionskosten nicht refinanzieren. „1864“ muss auch im Ausland erfolgreich sein, die dänische Serie muss zu einer europäischen werden. Der historische Hintergrund ist dabei zweitrangig, es ist eine Geschichte darüber, was der Krieg mit den Menschen macht – oder wie es Regisseur Ole Bornedal ausdrückt: „Die Serie zeigt uns, dass der Mensch immer wieder verhängnisvolle Fehler macht – und unsere Spezies trotzdem zwischen den Kräften der Liebe, Hoffnung und Dummheit überleben wird.“

Ab dem Herbst des kommenden Jahres wird man sehen, ob „1864“ hält, was der Regisseur versprochen hat.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen