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Günter-Grass-Haus : Aale, Pferdeköpfe und Onanier-Wettstreit: Grass und die „baltische Pfütze“ Ostsee

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Günter-Grass-Haus widmet sich der Verbundenheit des verstorbenen Nobelpreisträgers zur Ostsee.

Lübeck | Die Ostsee. Ausgerechnet. Einmal im Jahr wird in der Dauerausstellung im Lübecker Günter-Grass-Haus ein Modul ausgewechselt. Über das Thema entscheiden die Besucher. Jetzt hat „Günter Grass und die Ostsee“ das Soldaten-Modul abgelöst. Es ist die erste Neugestaltung des Hauses seit dem Tod des Schriftstellers am 13. April. Und unverfänglich naheliegend ist das frische Feld nur scheinbar.

„Die Heringe der Ostsee sind kleiner als die Heringe der Nordsee, und ihre Geschichten verlaufen von Pfützenrand zu Pfützenrand ganz anders erzählt“, steht in großen blaugrünen Buchstaben auf schillernden Fischleibern. Es ist nicht viel, was in der Dauerausstellung verändert wurde, eine Ecke nur, aber die zeigt wie durch ein Brennglas, was diesen Schriftsteller umgetrieben hat.

Das Publikums-Votum habe ihn verwundert, sagt Jörg-Philipp Thomsa, der Chef des Grass-Hauses. Das Ostsee-Thema hat „Grass und seine Kritiker“ und „Grass und die Religion“ auf die Plätze verwiesen, beides hätte reichlich Stoff für Debatten ganz im Sinne des Geschichtenerfinders geboten. Am Abend, bei der feierlichen Modul-Präsentation in den Lübecker Kammerspielen, bekennt Thomsa, froh zu sein, dass er sich vorerst nicht mit den Kritikern auseinandersetzen müsse. Im Grass-Haus, wo der Schriftsteller jahrelang sein Büro hatte, wo er im vergangenen Januar selbst noch die laufende Sonderausstellung mit eröffnet hatte, sind sie noch nicht fertig mit der Tatsache seines Todes. Bei aller selbstverständlichen Souveränität, die der wissenschaftlichen Arbeit stets zugrunde gelegen habe, sei er auch einfach nur traurig, sagt Thomsa, das Bild eines Günter Grass im Rücken, wie er in den nassen Ostseestrand zeichnet.

 

„War eigentlich ein schönes Schiff.“ Um den Untergang der „Wilhelm Gustloff“ und die Novelle „Im Krebsgang“ geht es noch bis zum 6. Januar 2016 in der Sonderausstellung eine Etage über dem neuen Modul. Auch das ist Ostsee-Geschichte – und typisch für Günter Grass, dessen Leben in Danzig an der Ostsee begann und der nun in Behlendorf, nicht weit vom Ostseestrand, begraben ist.

„Es ist meine See, an die viele Länder ufern, vom östlichen Reval und Riga der baltischen Länder bis in ihre westlichen Bodden und Buchten, mit den Marienkirchen in Lübeck, Stralsund und Danzig …“, steht 1976 in „Die Rättin“; 1997 heißt es in „Fundsachen für Nichtleser“: „Auch an atlantischen Küsten laufe ich baltische Strände ab.“ Eigentlich sei Grass ja immer nur an der Ostsee gewesen, sagt Thomsa.

Gesucht und gefunden hat Grass sein Leben lang. Er war leidenschaftlicher Sammler. Steine, Schnecken, Gräten, Holz hat er mit nach Hause genommen, bildkünstlerisch, schriftstellerisch gewürdigt. Das neue Ausstellungsmodul zeigt etliches davon, zeigt Schritte von Skizzen zum Werk, zeigt auch Familiäres: einen Familienausflug Ende der 1920er Jahre an den Strand nahe Danzig. Und es zeigt gewohnt multimedial, für Wissensdurstige akkurat, für Eilige kurzweilig, wie Grass seine „baltische Pfütze“ in seinem Werk untergebracht hat. Da spielt er mit Möwengeschrei, Wind und Wellenschlag, mit den Merkmalen einer Idylle, um diese im nächsten Moment nachhaltig wirksam zu brechen. Aale und Pferdeköpfe sind in der „Blechtrommel“ zur unappetitlichen Einheit verwoben, das Brausepulver prickelt ewig, über den Onanier-Wettstreit („Katz und Maus“) können sich manche bis heute nicht beruhigen.

„Mein Zungenschlag ist baltisch tückisch stubenwarm“, heißt es im Gedicht „Kleckerburg“. „Wie macht die Ostsee ? – Blubb, pfff, pschsch ... Auf Deutsch, auf Polnisch: Blubb, pfff, pschsch ...“ Im neuen Ausstellungsmodul des Grass-Hauses ist dieser Zungenschlag zu hören.

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erstellt am 22.Okt.2015 | 07:25 Uhr

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