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Justus Frantz : 70 Jahre „Frantz Dampf in allen Gassen“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bewegtes Leben mit kleinen Schönheitsfehlern: Der Gründer des Schleswig-Holstein Musik Festivals, Justus Frantz, wird am 18. Mai 70 Jahre alt. Eine Würdigung von Erich Maletzke.

Justus Frantz liebte schon immer die großen Auftritte. So wie an jenem schwülen Sommerabend im Jahr 1985, als sein Stern in Schleswig-Holstein aufging. Der damalige Ministerpräsident Uwe Barschel hatte in die Fürstensuite von Schloss Tremsbüttel geladen. Ein Musikfestival sollte aus der Taufe gehoben werden und gekommen war alles, was im Land Rang und Namen hatte. Natürlich auch Justus Frantz, der erste Intendant des Festivals. Er war zwar ein sehr wichtiger Gast, aber doch nicht die Hauptperson. Ausnahmsweise gab er sich diesmal damit zufrieden, dass sich die Aufmerksamkeit der prominenten Gesellschaft auf einen andern Star konzentrierte, der aber nur deshalb gekommen war, weil Justus Frantz ihn gebeten, man kann auch behaupten, herbeizitiert hatte. Leonard Bernstein, als Komponist der Westside-Story weltberühmt, war gerade noch in Hiroshima aufgetreten, dann nach Wien gejettet und stand nun dort, wo er in seinem turbulenten Leben noch nie gewesen war.

„Lenny“ nannte ihn Justus Frantz, wich nicht von seiner Seite und genoss den auch auf ihn fallenden Glanz des berühmten Freundes, der den jungen Pianisten aus dem fernen Norden schon seit Jahren musikalisch gefördert und auch ins Herz geschlossen hatte.

US-amerikanische Dirigent und Komponist der Westside-Story Leonard Bernstein Justus Frantz shmf
Der US-amerikanische Dirigent und Komponist der Westside-Story Leonard Bernstein geht im Jahre 1987 mit dem deutschen Pianisten Justus Frantz (li.) über das Gelände des Schleswig-Holstein-Musikfestivals in Salzau. Leonard Bernstein war gern gesehener Gast des Festivals. Ein Jahr vor seinem Tod sagte er: „Schleswig-Holstein – ich kann das immer noch nicht aussprechen, aber bei Gott, ich liebe es.“ Foto: dpa
 

Bis zum letzten Augenblick blieb ungewiss, ob Lenny wirklich kommen würde, und als er gekommen war, fragten sich die Verantwortlichen des Musikfestivals, also in erster Linie Justus Frantz und Uwe Barschel, ob der Weltstar sich wirklich für das Festival engagieren oder ob er es bei einem einmaligen Besuch belassen würde. Doch Bernstein hielt seine Zusage, kam schon 1986 zu mehreren Konzerten nach Schleswig-Holstein. Damit war der Durchbruch für das Festival und auch für seinen Intendanten Justus Frantz erreicht. Wo Bernstein auftritt, da muss man dabei sein, sagten sich in der Folgezeit die Großen des internationalen Musiklebens. Es ist schon erstaunlich, mit welchen berühmten Namen sich das Festival, und das war zumindest in den Anfangsjahren Justus Frantz, bei den Konzerten in Kirchen, Kuhställen, Konzertsälen, Herrenhäusern und Scheunen schmücken konnte. Yehudi Menuhin kam und Sergiu Celibidache, Lorin Maazel und Sir Georg Solti, Iona Brown, Claudio Abbado und Riccardo Muti, um nur einige Namen aus der ersten Klasse der Dirigenten zu nennen.

Mit geradezu unglaublichem Einsatz stürzte sich Justus Frantz in seine neue Aufgabe. „Frantz Dampf in allen Gassen“, hieß es über ihn, und wer ihn an einem Arbeitstag begleitete, konnte über seine Begeisterung und auch seine Konstitution nur staunen. Wie ein Staatsmann im Spitzenamt jagte er durch das Land. Ließen sich die eng gefassten Termine nicht mehr mit dem Dienstwagen bewältigen, stieg er in den Hubschrauber um. Das ging nicht nur noch schneller als auf der Straße, sondern war auch noch publikumswirksamer. Auf Dauer konnte diese Doppelbelastung als Künstler und Manager nicht gutgehen.

Im Rückblick auf sein nun 70-jähriges Leben muss man sagen, dass es für Justus Frantz besser gewesen wäre, wenn er sich auf die Entwicklung seiner künstlerischen Ader konzentriert hätte; denn er war zunächst eine Art Wunderkind mit einer vielversprechenden Karriere als Pianist. Geboren am 18. Mai 1944 im heute polnischen Hohensalza, begann er mit zehn Jahren das Klavierspiel, gewann früh erste Preise. Den Durchbruch in die internationale Spitzenklasse erreichte er 1970, als ihn Herbert von Karajan in die Berliner Philharmoniker aufnahm. Fünf Jahre später spielte er bei den New Yorker Philharmonikern unter Leitung von Leonard Bernstein. Aus dieser Zusammenarbeit entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft.

Eine weitere enge Beziehung führte dann 1986 zu einer entscheidenden Gabelung im Lebensweg des vielversprechenden Pianisten mit dem Charme eines Sonnyboys. Der ebenfalls stets nach Höherem strebende, fast auf den Tag genau gleichaltrige Uwe Barschel, ließ sich von Justus Frantz davon überzeugen, dem nicht gerade mit kulturellem Glanz gesegneten nördlichsten Bundesland ein jährliches Highlight in Form eines international besetzten Musikfestivals aufzusetzen. Da waren zwei Seelenverwandte aufeinander getroffen, die in der ganzen Art ihres öffentlichen und privaten Auftritts erstaunliche Gemeinsamkeiten aufwiesen. Stets ein wenig zu großspurig, gleichzeitig von ansteckender Begeisterung, Hindernisse auch schon mal mit sehr unkonventionellen Mitteln aus dem Weg räumend.

Die Barschel-Ära war auch die Glanzzeit von Justus Frantz. Als der Kieler Regierungschef 1987 nach einem Flugzeugabsturz in einer Lübecker Klinik behandelt wurde, ging ein Foto um die halbe Welt. Es zeigte, wie der Intendant dem Politiker am Flügel auf der Terrasse der Klinik Genesungswünsche vorspielte. Zuvor hatte Justus Frantz auch schon bei einem anderen Prominenten musiziert, und auch dieses Bild sorgte für Aufsehen: Helmut Schmidt spielte mit Frantz vierhändig Bach. Über das Ergebnis legten wahre Musikkenner die Stirn in Falten.

Uwe Barschels Tod im Oktober 1987 war für Justus Frantz in vielerlei Hinsicht ein schwerer Verlust. Er könnte geahnt haben, dass er mit den Nachfolgern, die ihm auch in politischer Hinsicht fremd waren, seine Probleme haben würde. Zunächst allerdings blieb er auch noch in der neuen Konstellation Intendant des Festivals. Aber es schien, als versuchte er, noch stärker als zuvor der Öffentlichkeit seine Unentbehrlichkeit demonstrieren zu wollen. Etwa dadurch, dass er seine zeitweise eingeschränkte Betätigung als Künstler wieder in den Vordergrund rückte. Nicht nur als Pianist, sondern auch als Dirigent. Ganz nach dem Vorbild anderer prominenter Solisten wie Yehudi Menuhin. Doch damit tat sich Justus Frantz keinen Gefallen. Ein breites Publikum jubelte ihm zwar nach wie vor zu, doch Musikkritiker überschütteten ihn mit Häme. Nach einem Auftritt vor 150.000 Besuchern im Hamburger Derby-Park, wo er beim Festival 1992 das Nationalorchester Litauens leitete, hieß es in einer Kritik des Hamburger Abendblatts, es habe der Eindruck geherrscht, als würden „nicht die Musiker vom Dirigenten, sondern der Dirigent von den Musikern geführt“.

Es ließ sich einfach nicht übersehen, dass Justus Frantz auf zu vielen Hochzeiten aufspielte. Die Aufgabe als Intendant hätte den vollen Einsatz verlangt. Doch stattdessen verzettelte sich der Hauptverantwortliche für das so umfangreich gewordene Festival mit allerlei Nebenbeschäftigungen. So rief er beispielsweise Anfang 1992 auf Gran Canaria eine Stiftung ins Leben mit dem Ziel, die Wiederaufforstung der Ferieninsel zu erreichen. Baumschulen wurden gegründet, und jeder Besucher sollte einen Baum pflanzen, beziehungsweise bezahlen, um die durch den Tourismus ökologisch geschädigte Insel wieder zu begrünen. Der spanische König übernahm die Schirmherrschaft – selbstverständlich, ist man versucht zu sagen.

Für seine Initiativen, und dazu gehörte nicht zuletzt die auf Schloss Salzau gegründete Akademie für Nachwuchsmusiker, wurde Justus Frantz mit Lob überschüttet. Doch gleichzeitig ließ sich der Eindruck nicht vermeiden, dass ihm das Ansehen zu Kopfe stieg. Gewiss auch bedingt durch die Hektik, wurde er unduldsamer, wollte Ratschläge nicht akzeptieren, Mitarbeiter klagten über Wutausbrüche und ungerechte Behandlung. Die neue Regierungschefin Heide Simonis war es schließlich, die die Reißleine zog, tatkräftig unterstützt von ihrem energischen und für die Aufsicht über die sparsame Organisation des von staatlicher Seite geförderten Festivals zuständigen Wirtschaftsminister Peer Steinbrück. 1994 endete die Intendanz von Justus Frantz. Nicht gerade, wie ansonsten üblich, in beiderseitigem Einvernehmen. Untersuchungen ergaben eine sehr eigenwillige Buchführung.

Justus Frantz, Heide Simonis, Leonard Bernstein
Justus Frantz enthüllt zusammen mit der damaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin Heide Simonis (SPD) im Jahre 1998 in Kiel eine Leonard-Bernstein-Büste aus Bronze. Die Büste erinnert an die völkerverbindende Arbeit des Komponisten und Dirigenten beim SHMF. Foto: dpa
 

Zu diesem Zeitpunkt war Justus Frantz mit 50 Jahren nicht nur im besten Mannesalter, sondern auch voller Tatendrang. Nicht nur durch das nach wie vor sehr angesehene Festival war er weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt geworden, populär hatte ihn auch eine im ZDF ausgestrahlte Klassik-Sendung, in der der charmante Frantz ein breites Publikum plaudernd mit den Werken der ganz Großen der Musikwelt vertraut machte.

Und natürlich musste auch wieder eine zündende neue Idee verwirklicht werden. Sie bestand in der Gründung einer Philharmonie der Nationen. Es ist eine bis heute bestehende Art Privatorchester, mit dem Justus Frantz durch große und kleine Konzertsäle reist. Auch hier gab es immer mal wieder Probleme. Meist finanzieller Art. Einmal blickte sogar der Staatsanwalt vorbei, aber der zum Duo Frantz/Barschel irgendwie passende Anwalt und Politiker Wolfgang Kubicki rückte alles wieder einigermaßen gerade.

Abgesehen von dem einen oder anderen Schönheitsfehler kann der Jubilar Justus Frantz an seinem 70. Geburtstag am 18. Mai daher mit Wohlgefallen auf sein bisheriges Lebenswerk blicken. Er ist mit dem Großen Bundesverdienstkreuz geehrt, mit zahlreichen angesehenen Preisen ausgestattet, darf sich Sonderbotschafter des Hohen Flüchtlingskommissars der UNO nennen, arbeitet regelmäßig mit renommierten Orchestern von Russland bis Israel zusammen. Sein größtes Verdienst bleibt jedoch die Gründung des Schleswig-Holstein Musik Festivals.

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erstellt am 12.Mai.2014 | 09:49 Uhr

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