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MuK, Kieler Schloss, Schleswiger Theater : Kultur in Schleswig-Holstein: Ins Aus gespart

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Die Lübecker Musikhalle und das Kieler Schloss sind sanierungsbedürftig. Und das Schleswiger Theater wurde gleich ganz abgerissen. Mit verheerenden Folgen für die Kultur.

Kiel/Lübeck/Schleswig | Stell dir vor, es gibt eine reiche Kultur, aber die Spielstätten sind dicht. Wenn es um Kultur in großen Sälen geht, drohen den Schleswig-Holsteinern magere Zeiten. Der jüngste Paukenschlag kam aus Lübeck. Dort ist der Konzertsaal der Musik- und Kongresshalle (MuK) nicht wie bislang vermutet bis Mitte 2016, sondern bis zum Frühjahr 2017 wegen Einsturzgefahr geschlossen.

Wegen finanzieller Defizite steht es auch um den Saal des Kieler Schlosses schlecht. Schlecht erging es zudem bereits dem – kleineren – Theaterbau am Schleswiger Lollfuß: Abriss wegen Einsturzgefahr. „Wir wollen den Kulturstandort Schleswig-Holstein stärken und die Kulturelle Infrastruktur zeitgemäß weiterentwickeln“, heißt ein Ziel des Kulturdialogs, den Ministerin Anke Spoorendonk 2013 per Kulturdialog auf den Weg gebracht hat. In den Kommunen ist die Kultur dagegen zum Sanierungsfall geworden.

Das Kieler Schloss – eine „tickende Zeitbombe“

Den Termin gibt es schwarz auf weiß. Zum 30. Juni 2017 hat die Concerts GmbH ihren Betreibervertrag für das Kieler Schloss gekündigt. Grund sei die sinkende Zahl von Veranstaltungen und ein damit einhergehendes, stetig gewachsenes Defizit, allein in diesem Jahr klaffe eine Lücke von 125.000 Euro. Er sei von der Kündigung überrascht worden, heißt es von Oberbürgermeister Ulf Kämpfer; Erstaunen war angesichts der Kündigung auch aus dem Kulturministerium zu vernehmen.

Kulturförderer und -schaffende dagegen legen den Finger in eine klaffende Wunde. „Die Kündigung des Pachtvertrages für den Konzertsaal im Kieler Schloss verwundert nicht. Seit vielen Jahren steht eine Grundsanierung des Veranstaltungshauses aus“, rechnet beispielsweise der Landeskulturverband in einer Stellungnahme ab, „der technische wie optische Zustand entspricht schon lange nicht mehr dem Stand einer zeitgemäßen Veranstaltungsstätte, in dem sich Gäste und Künstler in angenehmer Atmosphäre begegnen können.“

Der Saal sei schlichtweg in die Jahre gekommen, das erweise sich nun als Bumerang, urteilt Georg Fritzsch, Generalmusikdirektor der städtischen Bühnen, und verweist darauf, dass er schon vor Jahren vor dieser „tickenden Zeitbombe“ gewarnt habe. Auch Christian Kuhnt verwies gleich in seinem ersten Jahr als Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals darauf, dass das Kieler Schloss einer Modernisierung bedürfte. Ein Fiasko mit Ansage also.

Das Theater Schleswig – und nun? 

Man frage sich, mit welchem Fachwissen die Verantwortlichen eigentlich ihre Arbeit machen, sagte unlängst Peter Grisebach, Generalintendant des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters. Das spielt nach dem Abriss des alten Schleswiger Theaterbaus im Slesvighus. Als Notlösung war dies eigentlich gedacht, inzwischen hat man sich notgedrungen so gut wie eingerichtet. Besser hier als gar nicht, sagt der Intendant, besser so, als auf 24.000 Besucher zu verzichten und damit das gesamte Konstrukt Landestheater ins Wanken zu bringen.

Anita Klahn hat für die FDP-Landtagsfraktion die Diskussion jüngst trotzdem noch mal aufgefrischt: „Mit der Nachschiebeliste für den Haushalt 2016 dokumentiert die Landesregierung, dass sie sich von einem Theaterneubau in Schleswig verabschiedet hat.“ Stattdessen würden die Mittel für den Neubau der Verwaltungsakademie in Bordesholm einfach umgewidmet. Spoorendonk lasse das Landestheater und die Stadt Schleswig damit im Regen stehen, so Klahns Kritik.  „Anstatt die Mittel standortunabhängig für den Neubau des Theaters in Schleswig flexibel zur Verfügung zu stellen, wird das Projekt jetzt still und leise durch die Landesregierung beerdigt.“

Jenseits politischer Dispute tut sich für die kulturelle Landschaft indessen eine reale Notsituation auf, die ausgerechnet das Schleswig-Holstein Musik Festival immer mehr in Bedrängnis bringt. Neben der Lübecker Musik- und Kongresshalle (MuK) ist auch das Kieler Schloss eines der Hauptspielorte. Und überhaupt: Eine Landeshauptstadt ohne zukunftsfähigen Konzertsaal gehe gar nicht, sagt GMD Fritzsch. „Investitionen in Kultur sind Investitionen in die Zukunft der Stadt“, mahnt der Vorstand des Philharmonischen Orchesters Kiel. „Es ist schnelles Handeln gefragt und das fordern wir inständig“ – auch, so die Argumentation, „damit die Stadt auch weiterhin ihre Attraktivität für die Menschen, für die Wirtschaft und die Unternehmen behält!“

Harsche Kritik an Lübeck – und Kiel Christian

Kuhnt sorgt sich derweil um die Attraktivität des SHMF. Rechnete man für die Sanierung zunächst in Wochen, wurden bald Monate daraus. Nun ist klar, dass mindestens bis Ostern 2017 nur das Foyer genutzt werden kann. Die geschätzten Sanierungskosten belaufen sich auf reichlich sechs Millionen Euro. Verlust fährt das Haus bereits jetzt ein. Zwar wird, was immer geht, ins Foyer verlegt. Dort aber finden – nach vorheriger von extra abgestelltem Personal installierter Bestuhlung – nur rund 1400 Besucher Platz (im Konzertsaal sind es rund 1900); und für die Tickets kann auch nicht so viel Geld genommen werden. Weil es zudem rund um den Gastronomiebereich eng wird, brechen auch hier Einnahmen weg.

Kritik hagelt es derweil auf die Verwaltung der chronisch hoch verschuldeten Hansestadt. Die habe am falschen Ende gespart, sagt Grünen-Fraktionschef Thorsten Fürter. Dass die Bauverwaltung mit 135.000 Euro jährlich eine Summe in den Bauerhalt ihrer Halle stecke, die gar nicht ausreichen könne, wird nicht nur von Fürter beklagt. Schon vor drei Jahren wies der Aufsichtsrat Bürgermeister Bernd Saxe auf Risiken hin. Folgenlos.

„Leider wurde es versäumt, frühzeitig eine tragfähige Lösung mit allen Partnern und Nutzern zu vereinbaren.“ Was sich wie eine Lübecker Klage liest, ist eine Feststellung des Landeskulturverbands zur Situation im Kieler Schloss. „Das lange Warten und Hinauszögern wird die Kosten für eine Grundsanierung, die einem Neubau gleichkommen dürfte, leider beträchtlich erhöht haben“, heißt es weiter.

Die Ursachen für das drohende kulturelle Koma mögen differieren (in Kiel verkaufte das Land 2003 das Schloss zum symbolischen Preis von einem Euro an zwei Privateigentümer), die Effekte sind ähnlich: Betreiber sparen so lange, bis Gemäuer oder Kunden kapitulieren.

Nun ist der kulturelle Leuchtturm Schleswig-Holstein Musik Festival betroffen. In der MuK sind für 2016 bis zu 14 Festival-Konzerte vorgesehen. Nicht alle davon werden im Foyer stattfinden können, vermutlich auch die SHMF-Eröffnung nicht, die sonst traditionell in Lübeck gefeiert wird. Und wenn das Foyer bespielt wird, dann bedeutet die Platzminimierung auch für das SHMF finanzielle Einbußen, voraussichtlich im sechsstelligen Bereich. Breche der MuK-Konzertsaal als Veranstaltungsort weg, zöge er am liebsten in die Elbphilharmonie, hatte Christian Kuhnt kürzlich gesagt. Ein Witz, denn die ist bekanntlich noch nicht fertig. Zum Glück für Schleswig-Holstein? Der Pianist Lang Lang jedenfalls hat sein Lübeck-Konzert im Mai abgesagt: Die Akustik in der Rotunde ist nicht gut genug.

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erstellt am 21.Nov.2015 | 22:33 Uhr

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