Töten von Küken : Kükenschreddern: SH-Politiker kritisieren Urteil scharf

Aktivisten protestieren vor der Urteilsverkündung in Berlin.

Aktivisten protestieren vor der Urteilsverkündung in Berlin.

Das Bundesgericht hat die Tötungen für zulässig erklärt – bis es ein Verfahren gibt, das Schreddern zu vermeiden.

Margret Kiosz von
13. Juni 2019, 20:36 Uhr

Leipzig/Kiel | Bislang werden in Deutschland jedes Jahr fast 50 Millionen männliche Küken direkt nach dem Schlüpfen vergast oder geschreddert – denn Hähne legen weder Eier noch setzen sie schnell Fleisch an. An diesem Zustand wird sich zunächst nichts ändern. Bis zur Einführung alternativer Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei dürfen Brutbetriebe männliche Küken übergangsweise weiter töten, urteilte am Donnerstag das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig.

Weiterlesen: Grundsatzurteil: Massenhaftes Kükentöten bleibt erlaubt – vorerst

„Das ist ein schwarzer Tag für den Tierschutz. Hier zeigt sich, welchen geringen Stellenwert das Leben von Nutztieren hat“, sagt Stefanie Pöpken von Provieh e.V. „Damit wurde ein Weg eingeschlagen, der allein die wirtschaftlichen Interessen berücksichtigt und die gesellschaftlich gewollten Veränderungen hin zu einer besseren Tierhaltung verhindert.“

Auch Schleswig-Holsteins Umweltminister Philipp Albrecht (Grüne) ist unzufrieden. Der Bundesgesetzgeber müsse jetzt eine verbindliche Frist für das Ende des Kükenschredderns festlegen.

Die Lösung des Problems darf nicht auf den Sankt-Nimmerleins-Tag vertagt werden. Philipp Albrecht, Schleswig-Holsteins Umweltminister
 

Von einem Skandal spricht der FDP-Landtagsabgeordnete Dennys Bornhöft in Bezug auf das Kükentöten. Allerdings reiche ein deutschlandweites Verbot nicht aus. „Die Brütereien würden ins Ausland abwandern – Eier aus deren Produktion würden weiterhin auf unseren Tischen landen“. Nötig sei, dass zügig eine marktreife Methode zur Geschlechtsbestimmung im Ei entwickelt wird.

Die Kritik des Grünen Landtagsabgeordneten Lasse Petersdotter geht noch weiter:

Diese Praxis ist die Konsequenz aus einem kaputten System. Lasse Petersdotter, Grünen Landtagsabgeordneten

Eine Landwirtschaft, in der Profit nur durch solche tierschutzpolitisch inakzeptablen Praktiken erreicht werden könne, sei nicht länger haltbar.

Die SPD-Abgeordnete Kirsten Eickhoff-Weber ist entsetzt: „Es ist unerträglich, dass es in unserer hochzivilisierten Gesellschaft über Jahre hinweg nicht gelingt, dieses widerliche Töten von frisch geschlüpften männlichen Küken endlich zu beenden“, sagte sie nach der Urteilsverkündung.

Die Frage, die das Gericht zu klären hatte, war im Grunde, ob es bereits praxistaugliche Alternativen zur Kükentötung gibt. Offenbar sieht das Gericht den aktuellen Stand als noch nicht ausreichend an. „Das ist ein Armutszeugnis für die bisherigen Bemühungen des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Offensichtlich fehlt ein realistischer Blick oder auch der nötige Ehrgeiz, selbstgesetzte Fristen wurden immer wieder verschoben“, so Kirsten Eickhoff-Weber.

ZDG: Wirtschaft benötigt Alternative zum Kükentöten

Seit Jahren versprechen die jeweils amtierenden Landwirtschaftsminister, das Ende des Tötens stehe unmittelbar bevor. Die Messungen müssten nur noch optimiert werden. Bis es soweit ist, darf jetzt weiter geschreddert werden. Nicolai Wree, Chef des Geflügelwirtschaftsverbandes Schleswig-Holstein und Referent im Bauernverband, findet das richtig und begrüßt diese Lösung:

Das Urteil gibt der Wirtschaft und Wissenschaft die nötige Zeit. Nicolai Wree, Chef des Geflügelwirtschaftsverbandes Schleswig-Holstein
 

Auch der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) zeigte sich zufrieden mit dem Urteil. „Es ist eine kluge Entscheidung, die der Realität gerecht wird“, erklärte Verbandschef Friedrich-Otto Ripke. Die Wirtschaft wolle „lieber heute als morgen aus dem Kükentöten aussteigen, ohne praxistaugliche Alternativen geht das aber nicht“.

Mehr als acht Millionen Euro hat der Bund bereits in die Entwicklung solcher Methoden gesteckt. Dabei wird eine Flüssigkeitsprobe aus dem Ei untersucht oder das Ei durchleuchtet. Anschließend werden nur die Hennen ausgebrütet. Die übrigen Eier dienen als Futtermittel. Die Genauigkeit der Analyse liegt bei 98 Prozent.

Wer ist denn schuld?

Ein Kommentar von Dirk Fisser

Ja, es ist empörend, dass jedes Jahr Millionen männlicher Küken direkt nach dem Schlüpfen getötet werden, nur weil sie wirtschaftlich nutzlos sind. Aber wer ist daran schuld? Wir. Denn an der Ladenkasse interessiert das Schicksal der Legehennen-Brüder niemanden.

Die moralischen Vorstellungen der Gesellschaft zu Umgang und Wert der Tiere haben sich zwar gewandelt. Das aber schneller als die Produktionsweisen in der Landwirtschaft und  auch schneller als das Kaufverhalten der meisten Kunden.

Es ist nicht Aufgabe von Richtern, dieses Dilemma von Markt und Mitgeschöpf zu lösen. Sie sind nicht Hüter des guten Gewissens, sondern der Gesetze. In diesem Sinne haben die Verwaltungsrichter zwar festgestellt: Das Kükentöten ist illegal. Und doch darf es weitergehen. Zumindest so lange, bis technische Alternativen einsatzfähig sind. Das ist ein vernünftiges Urteil, auch wenn unklar bleibt, wann genau Schluss sein muss.

Wer sich über die richterliche Schonfrist empört, sollte keine Eier mehr essen. Oder im Supermarkt nach dem Zweinutzungshuhn fragen, bei dem Männchen und Weibchen aufgezogen werden. Diese Alternative gibt es, gekauft wird sie kaum. Warum? Zu teuer. Empörung ist eben billiger. Und sie lenkt von der eigenen Verantwortung ab.

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