Massentierhaltung : Kritische Masse

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Überall im Land organisieren sich Bürgerinitiativen, um den Bau neuer, riesiger Stallanlagen in ihrer Nachbarschaft zu verhindern. Jetzt schließen sie sich zusammen.

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23. Januar 2012, 09:47 Uhr

Kiel | Die Zeiten, in denen Bauern Tiere hielten, sind vorbei. Heute werden Hühner, Schweine und Kühe produziert. Bauernhöfe sind zu Mammutunternehmen geworden - mit Hühnerfarmen, auf denen mehr als 85.000 Tiere hochgezüchtet werden, Schweinemästereien, in denen sich über 3000 Tiere in einem Stall aneinander drängen und Milchviehbetrieben, bei denen mehr als 800 Kühe täglich zweimal gemolken werden. Ein hoch technisierter Industriezweig. Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und das Münsterland sind auf diesem Gebiet Vorreiter.
Schleswig-Holstein jedoch ist "da noch deutlich mittelständischer", sagt Eckehard Niemann. Der Fachmann für Massentierhaltung bei der Arbeitsgemeinschaft für bäuerliche Landwirtschaft (AbL) zielt damit auf die Betriebsgrößen der Höfe ab. Laut der letzten Agrarstrukturerhebung von 2007 zählen nur 18 Prozent der Höfe im Land zu den Großbetrieben mit 100 und mehr Hektar - sie allerdings bewirtschaften 54 Prozent der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche des Landes. Der Rest wird zumeist von mittelgroßen Höfen mit zehn bis 100 Hektar bewirtschaftet.
"Bauernhöfe statt Agrarfabriken"
Niemann koordiniert derzeit den Zusammenschluss verschiedener Bürgerinitiativen im Land gegen Massentierhaltung. "Bauernhöfe statt Agrarfabriken" lautet das Motto der Vereinigung. Sie will den Anfängen wehren.
Denn so langsam versuchen Fleisch-Großproduzenten, in Schleswig-Holstein Land zu gewinnen. Sie kommen zum einen aus dem Norden: Dort sind es vor allem dänische Schweineproduzenten, die "die niedrigeren gesetzlichen Auflagen in Deutschland schätzen", sagt Niemann. Und sie kommen von Süden. Franz-Josef Roth kötter hat im niedersächsischen Wietze Europas größte Geflügelschlachtanlage errichtet. Die dort installierten zwei Schlachtlinien mit einer Kapazität von je 3,33 Hähnchen pro Sekunde töten pro Stunde 23.976 Stück, 384.000 am Tag, 119.808.000 im Jahr. Um dies rentabel fahren zu können, braucht der Schlachtkönig immer mehr Tiere. In Niedersachsen sind die Kapazitäten erschöpft, jetzt soll in Schleswig-Holstein produziert werden. In Großanlagen.

Fleisch als Geschäft
"Damit werden Bauern zu Lohnmästern gemacht", schimpft Sven Koschinski von der Bürgerinitiative "Uns Bürgern stinkt’s". Überhaupt werde doch bereits in Deutschland weit über den Bedarf Fleisch produziert. Bei den Schweinen seien das bislang 110 Prozent des in Deutschland konsumierten Schweinefleisches, so Koschinski. Beim Geflügel soll es in Zukunft sogar noch weit mehr werden - heißt es zumindest im kritischen Agrarbericht vom Agrarbündnis e.V., der gerade auf der Grünen Woche in Berlin vorgestellt wurde. Demnach sind bundesweit Mastanlagen für 36 Millionen Hähnchen beantragt - bei einer Nachfrage seitens der deutschen Verbraucher von gerade einmal 3,2 Millionen.
Doch die Bauern suchen nach Überlebensmöglichkeiten für sich und ihre Höfe. Der Preis für ein Kilo Hühnerfleisch liegt bei rund 2,50 Euro an der Ladentheke - rund 0,80 Euro erhält davon der Bauer beim Verkauf seines Lebendhähnchens. Auch der Preis für ein Kilo Schweinefleisch ist deutlich gesunken: Lag er 1950 noch bei 1,6 Prozent des monatlichen Nettoverdienstes, waren es 2002 gerade einmal 0,28 Prozent. Massentierhaltung ist für die Bauern da eine echte Alternative. Denn je mehr Tiere sie in ihren Ställen halten, je effektiver sie die Zucht strukturieren und je schneller sie die Tiere zum Schlachter bringen können, umso höher ist ihr Ertrag.
Keine Chance für kleinere Betriebe
Entsprechend mahnt Ulrich Goullon vom Bauernverband Schleswig-Holstein an, dass auch bäuerliche Betriebe heutzutage in gewissen Größenordnungen arbeiten müssten, um davon leben zu können: "Masthähnchen bewegen sich im wirtschaftlichen Ergebnis heute im Bereich von Cent-Beträgen. Um davon als Familie leben zu können, braucht es eine entsprechende Anzahl an Tieren." Das sehen auch die Tierschützer so. "Den Landwirten den Trend zur Massentierhaltung vorzuwerfen wäre unfair", betont Stefan Johnigk von der Tierschutzorganisation ProVieh. "Kleinere Betriebe können das heute gar nicht mehr stemmen."
Der Biologe will denn auch nicht so gerne von Massentierhaltung sprechen. "Ich kann auch wenige Tiere so halten, dass es ihnen schlecht geht." Das Problem sei die Intensivtierhaltung, bei der alles aufgrund wirtschaftlicher Interessen auf eine schnelle Schlachtung ausgerichtet sei. Masthühner etwa würden in 35 bis 42 Tagen zur Schlachtreife gebracht. Bei den Schweinen werden in 180 Tagen Ferkel zu 100-Kilo-Tieren gemästet. Normal wäre, so Johnigk, die dreifache Zeitspanne. "Das ist, als würden wir unsere Kinder so hochpäppeln, dass sie mit zwölf Jahren die Statur eines Sumoringers hätten."
Dabei gebe es Alternativen, Masthuhn-Linien etwa, die 56 Tage zum Wachsen brauchen. "Aber natürlich bei gleichen Betriebskosten." Der Bauer zahle also 14 Tage lang drauf, denn der Preis des Lebendhuhns bleibt bei 0,80 Euro. "Da muss das Land in die Bresche springen. Das System muss - zum Beispiel mithilfe der Subventionen für die Stallbauten - geändert werden, damit wir diese Großanlagen nicht mehr brauchen."

Negative Folgen
Das sei im Interesse aller. Der Tiere, die dann wieder mehr nach ihrer Natur gehalten werden könnten, wie auch der Menschen. Denn die Intensivtierhaltung habe auch auf die erhebliche negative Auswirkungen. Etwa bei der Geflügelmast, wo massiv Antibiotika eingesetzt werden, was wiederum zu Resistenzen führt. Mediziner sprechen hier von MRSA-Keimen, die auf keine Antibiotika mehr reagieren. Und von denen sind auch Menschen betroffen, etwa wenn sie das Fleisch essen - aber auch wenn sie in der Nähe solcher Anlagen wohnen. Denn der niederländische Epidemologe Dick Heederik von der Universität Utrecht hat festgestellt, dass sich das Risiko einer MRSA-Infektion im Umkreis von 1000 Metern zu einer Geflügelgroßmastanlage mit industrieller Massentierhaltung deutlich erhöht.
Zudem kommt es in der Nähe von Großmastanlagen zu einer starken Geruchsbelastung. Häufig fallen dort die Immobilienpreise.

Noch nicht wirklich groß
Wirkliche Großmästereien gibt es in Schleswig-Holstein derzeit noch nicht. Das Gesetz unterscheidet hier in vier Stufen - keine Genehmigung erforderlich (1), Genehmigung erforderlich aber ohne öffentliche Beteiligung (2), Genehmigung mit öffentlicher Beteiligung (3) und Genehmigung plus Umweltverträglichkeitsprüfung (4). Bislang wurden nur Anlagen der Stufen 2 und 3 genehmigt. Demnach gibt es fünf Großmastanlagen ab 40.000 Hühnern im Kreis Plön, sechs Anlagen ab 600 Rindern im Kreis Rendsburg-Eckernförde und sechs Großmästereien für Schweine im Kreis Schleswig-Flensburg - um nur die größten zu nennen.
Eckehard Niemann von der AbL sieht hierin eine große Chance für Schleswig-Holstein. Zumal das Land zwischen den Meeren in der Tierproduktion bislang ein wenig abgeschnitten von der Masse ist - auch logistisch. Denn die meisten Großschlachtereien befinden sich nicht im Land. Das bedeute für die Betriebe hohe Transportkosten "bis hin zur Unrentabilität". Niemann hat denn auch kürzlich vor dem schleswig-holsteinischen Landtag gesprochen, um die Parlamentarier zu motivieren, den Trend zur artgerechten Haltung in Schleswig-Holstein auszubauen.

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