Berufsschulen in SH : Kritik an zu gut bewerteten Flüchtlings-Zeugnissen

Gelungene Integration braucht Ausbildung und Arbeit: Ansatz des Projekts „Land in Sicht“.
Gelungene Integration braucht Ausbildung und Arbeit: Ansatz des Projekts „Land in Sicht“.

Es gäbe eine Tendenz zu einer „höherwertigeren“ Einstufung. Das Integrationsprojekt „Mehr Land in Sicht“ ist gefragt.

shz.de von
21. Januar 2017, 15:24 Uhr

Kiel | Praktiker mahnen bei der Anerkennung von Schulzeugnissen aus den Herkunftsländern von Flüchtlingen durch das Bildungsministerium zu mehr Zurückhaltung. „Dabei sollte man vorsichtiger sein“, rät der Leiter des Regionalen Berufsbildungszentrums (RBZ) für Wirtschaft in Kiel, Guido Vespermann. Es ist eine der größten Berufsschulen im Land. Er beobachtet eine Tendenz zu einer „höherwertigeren“ Einstufung als es angebracht sei. Das lasse die jungen Leute in der deutschen Schule „allzuleicht in eine Sackgasse laufen“, schildert Vespermann. Denn die Leistungen reichten dann nicht für die Klassen, in die die Betroffenen eingestuft würden.

Junge Flüchtlinge sollen zügig fit gemacht werden für den Arbeitsmarkt. So soll die Integration besser gelingen. Doch einiges geht hierbei zu schnell.

Die Äußerung fiel auf einem Kongress, mit dem das Flüchtlings-Projekt „Mehr Land in Sicht“ am Freitag im RBZ eine Zwischenbilanz zur Integration von Asylbewerbern in Schule, Ausbildung und Beruf gezogen hat. „Dies braucht mehr Zeit als alle Beteiligten zunächst erwartet hatten“, resümierte der Geschäftsführer des Flüchtlingsrats Schleswig-Holstein, Martin Link. Es gelte, nicht den Atem zu verlieren: „Gerade in einer Zeit, in der rassistische Hetze wieder gesellschaftsfähig wird, ist eine gelungene Integration Pflichtaufgabe“.

Daher appellierten Link und andere Organisatoren von „Mehr Land in Sicht“ an die Landesregierung, dieses bisher auf Rendsburg-Eckernförde, Nordfriesland, Kiel, Lübeck und Ostholstein beschränkte Projekt zur Blaupause eines landesweiten Programms zu machen. Ihr Haupt-Argument: der ganzheitliche Ansatz von „Land in Sicht“.

Die Platzierung in Ausbildung und Arbeit steht im Mittelpunkt, doch zugleich werden die Teilnehmer bei persönlichen und sozialen Angelegenheiten an die Hand genommen. Dazu reicht das Spektrum der Beteiligten von Arbeitsagentur, Betrieben und Kammern über Wohlfahrtsverbände und Flüchtlingsberatungsstellen bis zu Volkshochschulen. Seit Projektstart Mitte 2015 wurden bereits 1076 Flüchtlinge und 500 Multiplikatoren erreicht – obwohl nach ursprünglicher Planung erst bis Mitte 2019 1104 Personen angepeilt waren.

Die Vermittlungsquote in Praktika, Arbeit, Ausbildung, Vorbereitungskurse oder Schule liegt laut Link „bei vergleichsweise guten 50 bis 60 Prozent“. Günter Ernst-Basten, Geschäftsführer des „Paritätischen“, fasste es so zusammen: „Land in Sicht“ sei „ein praktischer Ausdruck des Denkens“, mit dem sich einen Tag vorher eine eher abstrakte „Allianz für Weltoffenheit“ gegründet hatte.

Weit oben im Forderungskatalog von „Land in Sicht“ an die Politik steht, dass Flüchtlingen ohne Lücken Bafög oder Bundesausbildungsbeihilfe zusteht, wenn sie sich für eine Ausbildung entscheiden. Sonst sei die Gefahr groß, dass sie sich billigen Helferjobs ohne langfristige Perspektive zuwenden. Ebenso dringlich erging der Appell, für Flüchtlinge bis Mitte 20 auch ohne Ausbildungsvertrag ein Zugangsrecht zur Berufsschule zu schaffen. Bisher endet es regulär mit 18. Zwei Drittel der Flüchtlinge im jungen Erwachsenenalter lägen aber darüber.

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