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Ukraine-Krise : Kriegsschiffe: Säbelrasseln auf der Ostsee

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

20 Jahre lang galt die Ostsee als friedliches Vorbild. Doch seit der Ukraine-Krise gehen russische und westliche Kriegsschiffe immer öfter auf Konfrontationskurs.

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erstellt am 14.Sep.2014 | 09:11 Uhr

Tom Cruise inszenierte es 1986 im Erfolgsstreifen „Top Gun“ Hollywoodreif: Immer wenn die Freiheit bedroht ist, stechen Amerikas Flugzeugträger in See. Doch die Realität sieht anders aus: Die Speerspitze der US-Navy ist 189 Meter lang und 33 Meter breit. Die USS „Mount Whitney“ verfügt nur über leichte Waffen zur Selbstverteidigung, der fensterlose Rumpf trägt keine Flugzeuge, dafür modernste Elektronik und Antennen. Das Kommandoschiff (LCC-20) war nach Ende des Kalten Krieges überall im Einsatz, wo es ernst wurde. Im Kosovokrieg 1999, im Irakkrieg 2003, im Libyenkrieg 2011. Kurz nach dem Georgienkrieg 2008 fuhr die „Mount Whitney“ ins Schwarze Meer, offiziell lediglich, um Hilfsgüter abzusetzen. Vor der Schwarzmeerküste kreuzte sie auch während der Olympischen Winterspiele in Sotschi.

Jetzt kreuzte das Flaggschiff der 6. US-Flotte (Mittelmeer) unter Konteradmiral Richard P. Snyder auf der Ostsee und führte das Baltops-Manöver an. Die alljährliche Militärübung gibt es bereits seit 42 Jahren. Doch die Auflage in diesem Sommer wurde zum größten Ostseemanöver in der Geschichte der Nato. 27 schwere Überwasser-Einheiten aus zwölf Ländern (die Bundesmarine war mit der Fregatte „Hamburg“ und dem Versorger „Tegernsee“ beteiligt) übten offiziell Minensuche und Zusammenwirken von Marine, Luftwaffe und Bodenstreitkräften, aber in Wirklichkeit sollte der Flottenauflauf vor allem die östlichen Nato-Staaten beruhigen. Die baltischen Staaten und Polen hätten sich besonders „mutig und robust“ in Afghanistan engagiert, heißt es aus dem Weißen Haus. Nun, da ebenjene Staaten besonders besorgt seien über „Russlands provokante Aktionen in der Ukraine“, sei es Zeit, zu zeigen, dass „die Vereinigten Staaten ihren Verbündeten so beistehen, wie sie uns beigestanden haben“. Eine Milliarde Dollar will Barack Obama im nächsten Jahr für diesen Solidaritätsbeweis ausgeben, für mehr US-Truppen und für mehr gemeinsame Übungen in Osteuropa.

Russland war in den Vorjahren immer zu Baltrops eingeladen, diesmal jedoch nicht. Stattdessen hielt die Ostseeflotte ein eigenes Manöver ab. Angenommene Lage: die Abwehr von in russischen Hoheitsgewässern einlaufenden gegnerischen Kampfschiffen. Wohl nicht zufällig, genauso wenig wie der „Höhepunkt“ der Übung. Die neuartige russische Korvette „Soobrasitelny“ („Der Findige“) versenkte erfolgreich ein gegnerisches Überwasserschiff. Marinesprecher Wladimir Matwejew: „Die von der Korvette abgefeuerte Rakete traf in geplanter Entfernung das zugewiesene seegestützte Ziel, obwohl der angenommene Gegner Mittel der elektronischen Kampfführung einsetzte und Störungen sendete.“ Zehn Kampf- und Versorgungsschiffe der Ostseeflotte seien im Einsatz gewesen.

Die Demonstration der Fähigkeiten der russischen Korvette des neuen Projekts 20380 wurde von der Führung der Ostseeflotte bewusst inszeniert, schließlich seien die Übungen von der Nato genau verfolgt worden. „Das Aufklärungsschiff ‚Alster‘ der deutschen Marine befindet sich in der Ostsee und beobachtet die Aktivitäten der beteiligten Kriegsschiffe der russischen Ostseeflotte“, sagte ein russischer Marineoffizier der Agentur Ria Novosti.

Die „Soobrasitelny“ steht wie kein anderes Schiff der russischen Ostseeflotte für den neuen Konfrontationskurs Putins. Bereits im Juni wurde sie von der britischen Fregatte „Montrose“ vor den dänischen Hoheitsgewässern geortet. Als das Nato-Schiff Kurs auf die Korvette nahm, wurde sie von einer russischen Ilyushin IL 20 „angeflogen“ – Szenen wie aus den Zeiten des Kalten Krieges. Im Juli und August tauchte die zur Kieler Woche ausgeladene Fregatte „Boikiy“ vor der lettischen Küste auf, immer wieder steigen russische Marineflieger auf. Ein russisches U-Boot der Kilo-Klasse wird 1,7 Seemeilen vor der Hoheitsgrenze Lettlands geortet. Schweden hat inzwischen Kampfjets des Typs „Gripen“ auf eine vorgeschobene Abfangposition auf der Insel Gotland stationiert. Die Nato startete am 1. September das Seemanöver „Northern Coast“. Bis gestern übten 50 Schiffe und 20 Flugzeuge rund um den Hauptstützpunkt im finnischen Turku. Das Szenario stellt einen Grenzkonflikt zwischen den fiktiven Staaten Tundraburg und Fuego. Die russisch-finnischen Kriege 1939/40 und 41/44 sowie die Annexion der der baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen 1940 durch die damalige Sowjetunion lassen grüßen.

An die militärstrategischen Marine-Traditionen der einstigen UdSSR will auch Russlands Präsident Wladimir Putin anknüpfen. Im Rahmen des staatlichen Umrüstungsprogramms für die Jahre 2011 – 2020 soll die russische Kriegsmarine 44 U-Boote, 36 Fregatten, 28 Korvetten, 18 Kreuzer, 24 Zerstörer und sieben Flugzeugträger erhalten. Dazu wird die Modernisierung des schweren kernkraftgetriebenen Raketenkreuzers „Admiral Nachimow“ abgeschlossen und drei weitere Einheiten dieser Klasse reaktiviert. Als regelrechten Quantensprung feiert die russische Marine die neuen Korvetten mit Stealth-Technologie. Bereits jetzt verfügt die Baltische Flotte mit ihren Hauptstützpunkten Baltijsk und Kronstadt über mehr als 100 Kriegsschiffe sowie rund 150 Kampfjets und Hubschrauber.

Für die Bundesmarine ist so das neue Führungskommando in Rostock-Warnemünde in den Mittelpunkt des neuen Konfliktfeldes gerückt. In der Hansestadt sind zudem die fünf Korvetten der Braunschweig-Klasse, der Tender Donau und das 7. Schnellbootgeschwader stationiert. In Kiel liegen die Minenräumer, in Eckernförde das 1. Ubootgeschwader.

Die Marine hat fast alle ihre Kräfte der NATO unterstellt, ist permanent an allen vier Ständigen Marineverbänden des Verteidigungsbündnisses beteiligen. Wie ernst die Situation hier genommen wird, zeigen zwei Tatsachen. Erstens haben die US-Marineforschungsschiffe „Pathfinder“ und „Bruce C. Heezen“ die Ostsee seit Juli abgefahren. Beide Einheiten sind für das Sammeln von Meeresdaten und das Auslegen von Unterwasser-Messstationen spezialisiert. Die dabei gewonnenen Ergebnisse benötigt die Nato für den Einsatz von U-Booten, Kampfschwimmern oder Sonarbojen. Die bislang vorliegenden Daten stammten noch aus den Zeiten des Kalten Krieges, den 70er und 80er Jahren, und seien somit für aktuelle Operationen zu alt.

Zweitens wurde die Tirpitzmole in Kiel für 40 Millionen Euro ausgebaut. Die ist der einzige Tiefwasserhafen der Nato in der Ostsee und entwickelt sich immer mehr zum Drehkreuz maritimer Operationen des Verteidigungsbündnisses.

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