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Schleswig-Holstein

16. August 2017 | 22:07 Uhr

Fahruntüchtig : Krank am Steuer

vom

Viele Erkrankungen schränken die Fahrtauglaichkeit ein - doch allzu oft wissen selbst die Betroffenen nichts von der Gefahr, die im Straßenverkehr von ihnen ausgeht.

KIEL | Seit über 20 Jahren litt Caesar S. an epileptischen Anfällen. Trotz seiner Fahruntauglichkeit setzte er sich ans Steuer. Mit fatalen Folgen: Im März 2011 verlor S. während eines Krampfanfalls die Kontrolle über sein Fahrzeug und raste in Eppendorf über eine rote Ampel. Sein Auto rammte ein anderes Fahrzeug und schleuderte in mehrere Fußgänger und Radfahrer. Vier Menschen kamen ums Leben: der Sozialwissenschaftler Günter Amendt, Schauspieler Dietmar Mues, seine Frau Sibylle sowie die Künstlerin Angela Kurrer. Drei weitere Opfer erlitten Verletzungen. Dreieinhalb Jahre Haft lautete jetzt das Urteil des Hamburger Landgerichts für Caesar S. Sein Anwalt kündigte Revision vor dem Bundesgerichtshof an.
Gemäß Strafgesetzbuch müssen Führerscheininhaber die notwendigen körperlichen und geistigen Anforderungen zum Führen eines Fahrzeuges erfüllen. Fahrer, die infolge einer Erkrankung einen Verkehrsunfall verursachen, können sich wegen Gefährdung des Straßenverkehrs, fahrlässiger Körperverletzung oder fahrlässiger Tötung strafbar machen. Der Gesetzgeber verpflichtet Autofahrer, von sich aus zu überprüfen, ob sie in der Lage sind, ein Fahrzeug im Verkehr sicher zu bewegen. Behandelnde Ärzte sind zur ausführlichen Aufklärung verpflichtet. Wie beim Hamburger Todesfahrer. Nach einem Krampfanfall in 2009 erteilte sein Neurologe ein Autofahrverbot. Doch S. ignorierte es.
Schlafapnoe und Sekundenschlaf am Steuer
Ein anderes Gesundheitsproblem, das für Autofahrer bedrohlich werden kann, ist die unbehandelte Schlafapnoe. Hier setzt bei Betroffenen die Atmung während des Nachtschlafs immer wieder für kurze Zeit aus. "Etliche Menschen mit Schlafapnoe neigen dazu, in monotonen Situationen, wie beim Autofahren, in einen gefährlichen Sekundenschlaf zu fallen. Sie sind bis zu siebenmal häufiger in Unfälle verwickelt, als andere", weiß Dr. Susanne Schwarting.
Eine herabgesetzte Sehleistung, die sich im Alter meist schleichend entwickelt und deshalb nicht immer von den Betroffenen gleich erkannt wird, kann ebenfalls zu einem Risiko werden. Der Berufsverband der Deutschen Augenärzte warnt, dass die Sehschärfe ab dem 50. Lebensjahr bei Dämmerung und Nacht abnimmt. Im Alter von 50 bis 59 Jahren seien 11,5 Prozent aller Verkehrsteilnehmer nachts nicht mehr fahrtauglich. Vom 60. Lebensjahr an, treffe das auf rund 20 Prozent aller Autofahrer zu. Die Kieler Augenärztin Dr. Silke Schnell informiert: "Häufig ist die so genannte Alterssichtigkeit dafür verantwortlich, dass die Sehfähigkeit merklich nachlässt. Zudem trüben sich die Linsen der Augen langsam ein. Deshalb ist eine regelmäßige Überprüfung der Sehfunktionen notwendig. Ich empfehle sie ab dem 40. Lebensjahr."
Diabetes: Plötzlicher Schwindel, Sehstörungen oder Bewusstlosigkeit
Auch Diabetiker sollten sich Gedanken über die Fahrtüchtigkeit machen. Ein schlecht eingestellter Diabetes kann schnell zur Unterzuckerung führen. Die Folgen: plötzlicher Schwindel, Sehstörungen oder Bewusstlosigkeit. Menschen mit Herzproblemen oder neurologischen und seelischen Erkrankungen sollten ihre Fahrtüchtigkeit ebenso kritisch auf den Prüfstand stellen. Und der ADAC weist darauf hin, dass bestimmte Medikamente die Fahrfähigkeit einschränken oder aufheben. Fachleute gehen davon aus, dass bei jedem vierten Unfall Medikamente eine Rolle spielen.
Viel zu spät hat Caesar S. die Konsequenzen aus seiner Erkrankung gezogen. Erst nach dem Horrorunfall gab der 40-Jährige den Führerschein ab.

Gefährliche Fahrt - acht Todesfälle in 2010: Im Jahr 2010 gab es in Schleswig-Holstein insgesamt 66699 Straßenverkehrsunfälle, davon 10974 Unfälle mit Personenschaden. 108 Unfallopfer kamen ums Leben.
Die Unfallursache "Fehlverhalten der Fahrzeugführer - sonstige körperliche oder geistige Mängel" wurde bei 192 Unfällen nachgewiesen, davon waren 141 Unfälle mit Personenschaden. Acht Unfallopfer kamen ums Leben.
Das bedeutet: 7,4 Prozent aller Todesopfer bei Straßenverkehrsunfällen in Schleswig-Holstein verstarben aufgrund der Unfallursache "sonstige körperliche oder geistige Mängel der Fahrzeugführer".
Quelle: Statistisches Landesamt

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erstellt am 11.Jun.2012 | 10:18 Uhr

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