Überschwemmung oder Küstenschutz : Klimawandel – das droht der Küste

Schleswig-Holstein heute (l.) – bei einem Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter würden weite Teile der Nordseeküste überschwemmt (r.).
Schleswig-Holstein heute (l.) – bei einem Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter würden weite Teile der Nordseeküste überschwemmt (r.).

Der Weltklimarat warnt vor dramatischen Folgen der Erderwärmung und dringt auf schnelles Handeln.

shz.de von
08. Oktober 2018, 20:11 Uhr

Kiel | Der Weltklimarat IPCC hat entschlossenes Handeln angemahnt, um die Erderwärmung noch auf 1,5 Grad zu begrenzen. Notwendig seien „schnelle, weitreichende Änderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen“. Jede weitere Erwärmung vergrößert die Gefahr unumkehrbarer Veränderungen – mit Extremwetter, steigendem Meeresspiegel und dem Verschwinden arktischen Meereises. Experten fordern ein radikales Umdenken vor allem im Energiesektor und beim Fleischkonsum sowie das Aus für den Verbrennungsmotor.

 

Der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen nehme trotz des Pariser Klimaabkommens (40-prozentige Senkung bis 2020) wieder zu, beklagt der Kieler Klimaforscher Mojib Latif. Dabei sei die Einhaltung des Klimaziels aus physikalischer und chemischer Sicht noch möglich. „Doch die Energiewende kommt nicht richtig in Schwung. Sinnbild dafür ist das krampfhafte Festhalten an der Braunkohle“, so Latif.

„Der Klimabericht ist alarmierend und zeigt, dass wir keine Zeit mehr verlieren dürfen“, sagte Umweltminister Jan Phillip Albrecht (Grüne) in Kiel. Schleswig-Holstein habe mit seiner Strategie zur E-Mobilität bereits „den Grundstein für eine Verkehrswende gelegt“.

Weiterlesen: Klimawandel auf Sylt – Panikmache oder reale Gefahr?

Für den Norden bedeutet der Klimawandel Licht und Schatten. So führt dauerhafte Erwärmung dazu, dass sich Vegetationsperiode und Tourismussaison verlängern und milde Winter Heizkosten senken.

Küstenschutz kostet viel Geld

Doch die Nachteile sind größer. In dem Bericht werden Werte zwischen etwa 0,2 und 0,8 Meter für den Meeresspiegelanstieg zwischen 2000 und 2100 prognostiziert. Das betrifft in Schleswig-Holstein mit seinen 315.000 Hektar Niederungen vor allem den Küstenschutz und kostet viel Geld. Auch die Bauern leiden unter dem Klimawandel, den sie durch Düngung und industrielle Viehzucht mitverursachen. „Die Landwirtschaft ist gut beraten, sich mit dem Thema zu beschäftigen“, erklärt CDU-Agrar-Experte Heiner Rickert.

Die Grüne Abgeordnete Marlies Fritzen fordert, „auf Ressourcenschonung zu achten, zum Beispiel auch beim Fleischkonsum.“ Zudem könne der Norden „mit viel Wind dazu beitragen, dass fossile Rohstoffe durch erneuerbare Energien ersetzt werden“. Der IPCC-Bericht zeigt: Die Begrenzung auf 1,5 Grad könnte die Zahl der Menschen, „die klimabedingten Risiken ausgesetzt und anfällig für Armut sind, bis 2050 um mehrere Hundert Millionen“ verringern. „Wir in Deutschland können uns Anpassungsmaßnahmen leisten, andere Länder jedoch nicht“, mahnt Latif. Das werde „die Ungerechtigkeit auf der Welt dramatisch vergrößern“. Mehr als die Hälfte aller Einsätze des Roten Kreuz sind bereits wetterbedingt. Krisenstäbe trainieren neue Szenarien. So wurde kürzlich eine Evakuierung geübt: 35.000 Hamburger und Schleswig-Holsteiner mussten wegen Hochwassers ihre Häuser verlassen.

Noch ist es nicht zu spät

Ein Kommentar von Tobias Schmidt

Alarm zur rechten Zeit: Noch ist es nicht zu spät, aber ohne sofortiges Gegensteuern wäre die Erderwärmung bald nicht mehr zu kontrollieren, warnt der Weltklimarat. Natürlich kann Deutschland allein nicht dafür sorgen, den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen. Doch muss in Berlin endlich Schluss damit sein, mit dem Finger auf Trump, Polen oder China zu zeigen, um vom eigenen Versagen in Sachen CO2-Reduzierung abzulenken.

Die Emissionen hierzulande sind gegenüber 2009 nicht gesunken – ein beschämendes Zeugnis für Kanzlerin Angela Merkel. Kein „Weiter so“ – das hatte die neue Große Koalition versprochen. Tatsächlich geht es beim Klimaschutz allenfalls rückwärts. In Brüssel werden strengere EU-Umweltauflagen für Autos gestoppt. Die energetische Gebäudesanierung steckt fest, ebenso der Netzausbau für Ökostrom. Und aus Angst vor zusätzlichen AfD-Wutwählern in der Lausitz und vor der Industrielobby in NRW bleiben Union und SPD beim Kohleausstieg auf der Bremse, anstatt Zukunftspläne für die Regionen zu entwickeln.

Die Massenproteste gegen die Rodung des Hambacher Forstes zeigen, dass immer mehr Menschen eine andere Politik wollen. Die Regierung muss die Signale hören und zum internationalen Vorbild werden, bevor es wirklich zu spät ist.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen