Kleine Vitaminbomben mit Seltensheitswert: Kreten

Fasziniert von den blauen Früchtchen: Hermann Genzmer im Kretenbusch. Foto: inf
Fasziniert von den blauen Früchtchen: Hermann Genzmer im Kretenbusch. Foto: inf

Avatar_shz von
10. Dezember 2009, 06:59 Uhr

Flensburg | "Kennen Sie Kreten?", fragt der Flensburger Hermann Genzmer unermüdlich, wenn er bei großen Herbst- und Weihnachtsmärkten seine Marmelade präsentiert und den Stand zu einer Aktion für den in Vergessenheit geratenen Strauch nutzt.

Dabei vergisst er vor lauter Erzählen über die Kreten und deren Geschichte oft genug das Verkaufen. Die erst vor 500 Jahren im nördlichen Europa angesiedelten Sträucher sind nämlich zur Lebensaufgabe des 73-jährigen "Kreten-Retters" geworden. Denn den in Vergessenheit geratenen Wildstrauch, ursprünglich beheimatet in der Türkei, kannten nur noch die Ältesten unter der Landbevölkerung.

Die stachligen Sträucher (botanisch: prunus insititia) wachsen schmal bis zu bis sieben Meter hoch. Sie haben einen kräftigen Mitteltrieb, umgeben von lockeren Zweigen mit großen Dornen. Ausgerechnet an den Spitzen dieser Dornen wachsen die kleine blauen Früchte. Die allerdings können erst am 10-jährigen Strauch geerntet werden.

"Wie schmecken Kreten?", wird Genzmer häufig gefragt. Der ist davon überzeugt, dass es nichts gibt, was im Geschmack vergleichbar wäre. Seine lakonische Antwort, begleitet von einem lustigen Blitzen der blauen Augen: "Wie Kreten."

Von einer Mischung aus Pflaumen, Johannisbeeren, Schlehen und Mirabellen sprechen Kenner. Und Gourmetpapst Wolfram Siebeck, den Genzmer auf die Kreten aufmerksam machte, definiert den Geschmack als "eine Mischung von Johannisbeere und Pflaume, also süß mit jenem Anteil an frischer Säure, die süße Sachen für die erwachsene Zunge erst erträglich macht". Er lobte Genzmers Rettungseinsatz für die kleinen Vitaminbomben in einem Artikel in der "Zeit".

Der Krete begegnete der Landschaftsarchitekt beim Umweltamt, als er im Rahmen von Flächenzusammenlegungen neue Knicks anlegte. Auf den ersten Blick hielt er die Büsche für Schlehen. Doch deren Früchte wachsen nicht auf, sondern neben den Dornen und schmecken nicht so erfrischend süß. Außerdem sind die Schlehenbüsche breitwüchsig. In keinem Bestimmungsbuch fand er etwas über die merkwürdigen Sträucher. Also forschte er selbst, erfuhr später das meiste bei seinen Aktionen für die Krete.

In dieser Jahreszeit ist der Strauch, der in Knicks, aber auch noch in Bauerngärten zu finden ist, gut zu erkennen. Bis in den Januar hinein hängen die kugelrunden, dunkelblauen Früchte an den kahlen Bäumen. Wenn denn nicht Hermann Genzmer in schon in Aktion war. Ist ein Busch bereits abgeerntet, freut er sich: "Da war ein Kretenkenner am Werk."

Nicht jedes Jahr gibt es eine gute Ernte, denn die Kretenblüte ist im Gegensatz zu ihren Früchtchen frostempfindlich. Genzmer freut sich das ganze Jahr darauf, wenn die Ende Oktober und im November reif werden. Denn dann kann er mit Leiter, Eimer und Hacke "bewaffnet" im seinem Kombi übers Land auf Kreten-Suche gehen. Danach müssen die murmelgroßen dunkelblauen Früchtchen verarbeitet werden. Entkernt (500 Gramm Kerne auf 2 Kilo Früchte) wird aus den Kreten Saft, Likör und leckere Konfitüre.

In Versuchen hat Genzmer festgestellt, dass Kreten sich nicht über ihre Kerne, sondern über den Wurzeltrieb vermehren. Diese Triebe zieht er zur widerstandsfähigen Größe auf, verkauft und versendet sie.

Genzmer bittet all diejenigen, die Lust darauf bekommen haben, Kreten zu pflücken, sich zuvor bei den Landbesitzern die Erlaubnis zu holen. "Knicks sind Privatbesitz."

Kontakt: Hermann Genzmer, Alter Kupfermühlenweg 125, 24939 Flensburg, Tel.: 0461/ 43786

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen