zur Navigation springen

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge : Kinder auf der Flucht – plötzlich vermisst in SH

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Immer wieder verschwinden in Schleswig-Holstein unbegleitete minderjährige Flüchtlinge: In 267 Fällen fehlt von ihnen jede Spur

In Schleswig-Holstein fehlt von 267 Flüchtlingskindern jede Spur. Die unbegleiteten Kinder und Jugendlichen sind aus der Obhut der Jugendämter verschwunden – und bleiben vermisst. Die Behörden stehen dem Phänomen nahezu machtlos gegenüber.

Unter den Flüchtlingen sind viele alleinreisende, minderjährige Flüchtlinge. In Deutschland kümmert sich das Jugendamt um sie. 267 Kinder werden vermisst. Im Vergleich zu anderen Bundesländern  sind es extrem viele.

Nach einem Bericht von Schleswig-Holstein am Sonntag sind die 267 Fälle im Zeitraum von Mai 2015 bis heute aufgelaufen. Alleinreisende Flüchtlingskinder werden meist von der Bundespolizei aufgegriffen. Sie kommen nicht in die Erstaufnahmen, sondern in die Obhut des Jugendamts, das sie auf betreute Wohngruppen oder Pflegefamilien verteilt. „Werden sie dann als vermisst gemeldet, prüfen wir jeden Einzelfall und suchen nach Anhaltspunkten für ihren Verbleib“, sagt Jürgen Börner, Sprecher des Landespolizeiamts. Es handele sich jedoch um ein relativ undurchsichtiges Feld. Mit anderen Worten: Eine Suche ist schwierig, weil die Vermissten keine sozialen Kontakte im Norden haben, die Nachforschungen ermöglichen.

„Wir wissen nicht, bei wem sie sind“, sagt Brian Donald, Stabschef der europäischen Polizeibehörde Europol, über die Kinder und Jugendlichen, die ihre Flucht fortsetzen. Sie seien daher potenziell gefährdet. „Sie könnten in die Hände von Kriminellen geraten.“ Seine Behörde habe Beweise, dass etliche durch Banden sexuell ausgenutzt und versklavt würden.

Dem Kieler Sozialministerium ist die Misere bekannt. „Wir wissen, dass Jugendliche teilweise ohne Angaben zu ihrem künftigen Aufenthaltsort die Kommunen wieder verlassen“, so Sprecher Christian Kohl. Im Vergleich zu unseren Nachbarn in Mecklenburg-Vorpommern, wo derzeit lediglich 18 Flüchtlingskinder vermisst werden, sind die Zahlen in Schleswig-Holstein extrem hoch. „Wir hatten allerdings auch 30.000 Transitflüchtlinge“, gibt Jürgen Börner zu bedenken. Und mit diesem großen Zustrom ist auch die Zahl junger Asylbewerber in Schleswig-Holstein gestiegen.

Nach Angaben des Sozialministeriums sind im Norden momentan 2567 Flüchtlinge untergebracht, die noch nicht volljährig sind und ohne ihre Eltern einreisten. Das sind drei Mal mehr, als die 830 Minderjährigen auf der Flucht, die Jugendämter im gesamten Jahr 2014 in Obhut genommen haben. Sie kommen überwiegend aus Syrien, Afghanistan und Eritrea. Die Mehrzahl ist zwischen 14 und 18 Jahren alt und männlich.

„Im Jahr 2015 haben wir 120 Abgänge an Polizeidienststellen gemeldet“, sagt Anja Sierks-Pfaff, Sprecherin des Kreises Ostholstein, durch den eine Hauptfluchtroute führt. „Das bedeutet, fast die Hälfte der in Obhut genommenen ausländischen Jugendlichen ist verschwunden.“ Seit Jahresanfang würden bereits 29 minderjährige Flüchtlinge vermisst. Sierks-Pfaff sagt: „Vermutlich sind sie nach Skandinavien gereist, einige auch in deutsche Ballungszentren.“ Nur in wenigen Einzelfällen seien Vermisste wieder aufgetaucht.

Im Kreis Schleswig-Flensburg war das bislang noch nicht der Fall. Die Vermissten blieben verschwunden. Sprecherin Martina Stekkelies: „Die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge beabsichtigen auch gar nicht, dauerhaft zu bleiben, sondern nutzen das Jugendhilfeangebot, um zu essen, zu duschen, frische Kleidung zu bekommen und sich auszuruhen. In der Regel sind sie binnen weniger Tage wieder weg.“ Sehr wahrscheinlich, weil ihnen ihre Eltern ein anderes Ziel für ihre Flucht genannt haben als den Ort, an dem sie untergebracht sind.

Hilfe bekämen die „Reisewilligen“ von jungen Flüchtlingen, die schon länger im Kreis lebten und dort auch bleiben wollten, berichtet Martina Stekkelies. Das reiche von der Übersetzung der Fahrpläne bis zur Versorgung mit Bargeld. „Zwei der Jugendlichen, die wir im Dezember in Obhut genommen haben, sind so entwichen. Wir vermuten, Richtung Dänemark oder Schweden.“

Das Sozialministerium betont, die Jugendämter versuchten, den Minderjährigen eine Alternative zur erneuten Flucht anzubieten. „Wir sprechen mit den Aufgegriffenen mögliche Perspektiven in Deutschland an“, bestätigt Anja Sierks-Pfaff vom Kreis Ostholstein. Im Kreis Schleswig-Flensburg gibt es ein sogenanntes „Erstscreening“, bei dem geprüft wird, ob es Verwandte im In- oder Ausland gibt.

Außerdem wird abgewogen, ob eine Unterbringung mit Geschwistern oder anderen unbegleiteten Flüchtlingen erfolgen sollte, was die Gefahr von Fluchtgemeinschaften erhöht. Wenn der Jugendliche nicht entweicht, folgt ein „Clearing“. Martina Stekkelies: „Wir besprechen, wie es weitergehen kann. Dazu zählen auch langfristige Perspektiven wie Schule, Ausbildung und Familienzusammenführung.“ Dafür müsse allerdings auch die Bereitschaft bestehen. „Wer etwa schon Verwandte in Schweden hat, der wird bei aller Hilfe in Deutschland auch dorthin wollen.“

Auch die Einschränkungen beim Familiennachzug für Flüchtlinge mit „subsidiärem Schutz“ (kein Flüchtling im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention, aber bei Rückkehr ernsthaften Gefahren ausgesetzt) dürfte für viele minderjährige Flüchtlinge ein Grund sein, Deutschland zu verlassen.

Denn der Familiennachzug bleibt auch nach dem Kompromiss zum Asylpaket II für sie eingeschränkt, Ausnahmen gibt es nur nach einer Einzelfallprüfung.

 
 

zur Startseite

von
erstellt am 14.Feb.2016 | 13:21 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen